Dietrich-Schulz, Elisabeth

Bibliotheksdirektorin, Historikerin, Anglistin und Kulturjournalistin
* 15.8.1955, Wien

Herkunft, Verwandtschaften: Tochter von Dr. Anton Schulz, Gruppenleiter im Österreichischen Innenministerium und seiner Gattin Theresia; geb. Reinsperger. Dr. Anton Schulz, geb. in Oberrohrbach, NÖ, war der erste aus diesem Ort, der erfolgreich ein akademisches Studium absolviert hat. Bruder Friedrich, Anwalt in Wien.
LebenspartnerInnen, Kinder: Eva und Katrin, Zwillinge (geb. 15.4.1985, Wien), Absolventinnen der Wirtschaftsuniversität Wien.
Ausbildungen: 1965–1973 Neusprachliches Gymnasium in Wien 18, Haizingergasse 37; 8.6.1973 Matura mit Auszeichnung; 1973–1978 Universität Wien, Institut für Geschichte und Anglistik/Amerikanistik, Doktorats- und Lehramtsstudium. Aufgrund des positiven Studienverlaufes regelmäßige Zuerkennung eines Begabtenstipendiums und des Stipendiums des Akademischen Senats der Universität Wien. Hausarbeit aus Englisch „Harold Pinter: No man’s land“ (Begutachter: Prof. Korninger), Dissertation zum Thema „Wilhelm Bauer: 1877–1953: Studien zu Leben und Werk“ (Begutachter: Prof. Wandruszka und Prof. Gall). Das Dissertationsthema erforderte, Material aus insgesamt 18 Archiven zu sammeln. In Anerkennung der wissenschaftsgeschichtlichen Dimension dieser Arbeit Zuerkennung des Fritz Eckert-Stipendiums der Universität Wien. 1979 Drucklegung der Dissertation als Band 142 der Dissertationen der Universität Wien; 19.12.1977 Promotion summa cum laude zum Dr.phil.; 1978 Lehramtsprüfung aus Geschichte, 1973–1978 jährlich Sprachstudien in den Sommermonaten in Großbritannien, u. a. in London, Oxford, Brighton, Hastings und Cardiff; 1973–1978 diverse „Studentenjobs“, u. a. Sprachlehrtätigkeit (Deutsch für Ausländer im Rahmen der Wiener Internationalen Hochschulkurse), Stadtführungen in Wien (Bundesministerium für Unterricht und Kunst, Aktion „Schüler aus den Bundesländern lernen Wien kennen”), Reiseleitungen (Österreichische Vereinigung für Austausch und Studienreisen, Krems und Österreichisch-Sowjetische Gesellschaft, Wien), journalistische Tätigkeit (u. a. für das Bundesministerium für Unterricht und Kunst sowie das Theater der Jugend), freie Mitarbeit in einer Dokumentationsstelle (Medienbeobachtung bei der AUSTRO-DOK); 1979–1980 Österreichische Nationalbibliothek, Grundausbildung Bibliotheks-, Dokumentations- und Informationsdienst, Dienstprüfung mit Auszeichnung; seit 1978 diverse berufliche Fortbildungskurse und -seminare, besonders hervorzuheben sind der Führungskräftelehrgang F 10 an der Verwaltungsakademie des Bundes 1984.
Laufbahn: 1978–1989 Vertragsbedienstete, ab 1979 Beamtin des Bundesministeriums für Landesverteidigung (BMLV), Höherer Dienst (Bibliotheksdienst); 1982 Bestellung zur stellvertretenden Leiterin der Präsidialabteilung D des BMLV (Ministerialbibliothek und Vorschriftenverwaltung); 1.11.1989 Übernahme in den Personalstand der Parlamentsdirektion, stellvertretende Leiterin der Parlamentsbibliothek; 1.1.1992 als erste Frau Leitung der Parlamentsbibliothek und der stellvertretenden Leitung des Parlamentarisch-Wissenschaftlichen Dienstes.
1995 sukzessiver Umstieg auf ein EDV-gestütztes Bibliothekssystem. Seit dem Jahr 2001 sind alle Bestände in Form einer öffentlich zugänglichen Datenbank verfügbar. Seit 2003 ist die Parlamentsbibliothek Kooperationspartner der Österreichischen Nationalbibliothek in den wichtigen Digitalisierungsprojekten ANNO und ALEX. Im Projekt ANNO stehen historische österreichische Zeitungen und Zeitschriften online zur Verfügung, 2012 bereits mehr als 6,5 Millionen Seiten. Die Parlamentsbibliothek hat u. a. Teile der Wiener Zeitung, der Reichspost und des Pester Lloyds in das Online-Archiv eingebracht. Das Projekt ALEX ermöglicht den Zugriff auf historische Rechts- und Gesetzestexte. Die darin enthaltenen Parlamentarischen Materialien ab 1848 sind ein wichtiges Element der historischen Forschung.
Die europäische Vernetzung der Bibliothek ist Dietrich-Schulz ein besonderes Anliegen. Mit ihrer Bestellung zur Koordinatorin für Bibliotheken, Forschung und Archive im Rahmen des Europäischen Zentrums für Parlamentarische Wissenschaft und Dokumentation wurde dieses Engagement 2006 auf europäischer Ebene gewürdigt. In dieser Funktion obliegen ihr u. a. die Organisation von Fachseminaren und die Leitung von Workshops. So haben sich in den letzten Jahren ParlamentsbibliothekarInnen von Aserbaidschan bis Zypern in Wien, London, Bern, Athen und Berlin getroffen, um Strategien zur besseren Nutzung der vorhandenen Wissensressourcen zu entwickeln. Die Parlamentsbibliothek stellt sich aber auch der Vergangenheit. Sämtliche Bestände der Parlamentsbibliothek werden seit 2010 nach den Kriterien der Kommission für Provenienzforschung untersucht. Ziel ist, jene Bände zu identifizieren, die möglicherweise Gegenstand eines Vermögensentzugs zwischen 1933 und 1945 waren. Die Positionierung der Bibliothek als Forschungszentrum für Parlamentarismus und Demokratie gelingt mit einem engagierten Team, das seine Kompetenzen in einen permanenten Modernisierungsprozess einbringt. Der „Hansen-Lesesaal“, der aufgrund seiner Schönheit besonders hervorgehoben werden muss und teils denkmalgeschützt ist, wurde in den Jahren 1993 bis 1995 renoviert und modernen Bedürfnissen in einem historischen Ambiente angepasst.
Bekanntschaften: Durch ihrer Tätigkeit als Direktorin der Parlamentsbibliothek kam Dietrich-Schulz nicht nur mit den wichtigsten Parlamentariern in Verbindung, sondern auch mit Regisseuren wie Ernst Trost (1993 Fernsehfilm über Karl Renner) und Jason Starr (2010 Film über Gustav Mahler), aber auch mit dem Chefbibliothekar der Library of Congress, James Billington. Viele internationale Kontakte haben sich durch ihre Tätigkeit im Rahmen der IFLA (International Federation of Library Associations) seit 2001, im Rahmen des EZPWD (Europäisches Zentrum für Parlamentarische Wissenschaft und Dokumentation) seit 1990 und im Rahmen des Österreichischen Normungsinstituts zwischen 1982 und 1984 ergeben. Ein Höhepunkt war die Einladung des US State Departments, 2009 am International Visitor Leadership Program − IVLP − gemeinsam mit 22 Bibliothekarinnen und Bibliothekaren aus 21 Ländern und vier Kontinenten teilzunehmen, um drei Wochen lang die US-amerikanische Bibliothekslandschaft kennenzulernen.
Auszeichnungen: 1989 Goldenes Verdienstzeichen der Republik Österreich, 1995 Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich.

Werke

Das Oxford Playhouse – vielleicht eine Anregung. In: Neue Wege. Nr. 288, Wien 1976, S. 9.
Theaterpropaganda anderswo. In: Neue Wege. Nr. 289, Wien 1976, S. 9.
Sind Weltverbesserer heute noch gefragt? Zu „Die Juden“ von Gotthold Ephraim Lessing und „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch. In: Neue Wege. Nr. 291, Wien 1977, S. 27.
Wilhelm Bauer (1877–1953). Studien zu Leben und Werk, Dissertation, Wien 1979 (abgeändert auch erschienen als Band 142 der Dissertationen der Universität Wien).
Wallfried Forster †. In: Biblos. Jg. 30 (1981) 4, S. 352f.
Weltspielplatz am Donaustrand. In: Donau-Kurier, Mai/Juni 1988.
Die Präsidialabteilung D (Ministerialbibliothek und Vorschriftenverwaltung) im BMLV. Rückblick und Ausblick. In: Mitteilungen der Vereinigung österreichischer Bibliothekare. Nr. 42 (1989) 4, Wien 1989, S. 99ff; (ebenfalls erschienen in: Österreichische Militärische Zeitschrift. Nr. 28 (1990), Wien 1990, S. 56ff.)
Neues aus der Parlamentsbibliothek: Mikrofiche-Ausgaben der stenographischen Protokolle des Herrenhauses und des Abgeordnetenhauses des Reichsrates im Handel. In: Mitteilungen der Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen & Bibliothekare. Nr. 43 (1990) 1, Wien 1990, S. 92ff .
Zu Karl Renner: „An der Wende zweier Zeiten“ und einer Festveranstaltung in der Parlamentsbibliothek. In: Mitteilungen der Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen & Bibliothekare. Nr. 43 (1990) 4, Wien 1990, S. 57f .
Gem. mit Megner, Karl: Karl Renner. Notizen zu seinem Tätigkeitsbereich in der Parlamentsbibliothek (Bibliothek des Reichsrates). 1895–1907, Ungedruckte Zusammenstellung, Wien 1993.
Der Siegeszug der CD-ROM. Ein Beitrag über den Einsatz von CD-ROM-Datenbanken in der Parlamentsbibliothek. In: Parlamentsdirektion (Hg.): Parlinkom-Press: Aktuelle Informationen für Parlinkom-Anwender, Juni/Juli 1994.
Gem. mit Megner, Karl: Die österreichische Parlamentsbibliothek, Der Weg von einer traditionellen Bibliothek zu einem EDV-unterstützten Informationszentrum. In: Dugall, Berndt (Hg.): ABI-Technik 16 Nr. 2, Wiesbaden 1996, S. 139.
„The nation’s library“. Bericht über einen Studienaufenthalt an der Library of Congress, 20.–23. Mai 1997. In: Mitteilungen der Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen & Bibliothekare (Hrsg.). Nr. 50 (1997) 3/4, Wien 1997, S. 122–126.
Austria. In: Tanfield, Jennifer (Hg.): Parliamentary Library, Research and Information Services of Western Europe, Brussels, Strasbourg 2000, S. 23ff.
Pech, Christian: Nur was sich ändert, bleibt! Die österreichische Parlamentsbibliothek im Wandel der Zeit 1869 – 2002. Lektorat/Redaktion: Elisabeth Dietrich-Schulz/Barbara Blümel. Parlamentsdirektion, Wien 2002.
Das Haus Europa, eine kulturelle Herausforderung: Festrede anlässlich der Bundestagung der österreichischen Buchbinder, Kartonagewaren-, Etui- und Papierwarenerzeuger 2004 in Gars am Kamp. In: Der österreichische Buchbinder, Jg. 2004, Nr. 7/8/9, S. 7–9.
Die österreichische Parlamentsbibliothek im Wandel: ein Streifzug von 1869 bis 2003. In: Mitteilungen der Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare 56 (2003) 2, S. 54f. (In tschechischer Sprache erschienen in: Ctenár Jg. 55/2003/H.4, S. 110–112 und H. 5, S. 149–150.
„Bibliothek für alle“ – die IFLA-Konferenz 2005 in Oslo: ein Bericht aus demokratiepolitischer Perspektive. In: Mitteilungen der Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare 58 (2005) 3, S. 85–89.
Die Parlamentsbibliothek „übersiedelt“. 3.400 Laufmeter in 10 Werktagen – eine Erfolgsbilanz. –  In: Mitteilungen der Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen & Bibliothekare. Nr. 60 (2007) 1, Wien 2007, S. 106f.
Das Europäische Zentrum für Parlamentarische Wissenschaft und Dokumentation (EZPWD) – ein wichtiges parlamentarisches Netzwerk und eine Erfolgsgeschichte seit 30 Jahren. In: Mitteilungen der Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen & Bibliothekare. Nr. 61 (2008) 1, Wien 2008, S. 15ff.
Parliamentary Library; Research and Archive Services of Europe. Description of the Parliamentary Library, Research and Archive Services of Europe and Israel, the United States of America, Council of Europe, European Parliament and Assembly of the WEU / compiled by Elisabeth Dietrich-Schulz, Vienna, May 2008. (Die Publikation umfasst Daten der Informationseinrichtungen von 41 europäischen parlamentarischen Versammlungen sowie Israels und den USA.)
EZPWD-Seminar „Sharing knowledge = Partager le savoir = Wissen gemeinsam nutzen“, Wien, Österreichisches Parlament, Lokal VI, 29.–30. Mai 2008. In: Mitteilungen der Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen & Bibliothekare Nr. 61 (2008) 4, Wien 2008, S. 145ff.
The Austrian Parliamentary Library: 140 years young and a true memory of Austrian parliamentarism. In: The Czech parliamentary library: a tribute on its 150th anniversary: the Central European Parliamentary Libraries from the past to the present. Ed.: Karel Sosna. Prague: Office of the Chamber of Deputies of the Parliament of the Czech Republic, 2009.
Das Europäische Zentrum für Parlamentarische Wissenschaft und Dokumentation (EZPWD) – ein wichtiges parlamentarisches Netzwerk und eine Erfolgsgeschichte seit 30 Jahren. In: Mitteilungen der Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen & Bibliothekare Nr. 61 (2008) 1, Wien 2008, S. 15ff.
Beiträge über die Parlamentsbibliothek in den Jahresberichten des Nationalrates 2009 und 2010.
70 Years of People to People Exchanges: Austrian remembrances of the International Visitor Leadership Program. [Vorw.: Heinz Fischer. Beitr.: Christian Brünner; Elisabeth Dietrich-Schulz; Efgani Dönmez; Friedhelm Frischenschlager; Silvia Fuhrmann; Madeleine Petrovic; Ingrid Tichy-Schreder; Helga Konrad; Markus Kastelitz …]. Vienna: Public Affairs U.S. Embassy Vienna, 2011.
Theodor Stöhr – ein Nachruf. In: Mitteilungen der VÖB 64 (2011) 2, S. 375f.

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