Pichl Berta; Mittelschullehrerin, Historikerin und Bundesrätin

Geb. Asch, Böhmen (Aš, Tschechien), 1.9.1890

Gest. Wien, 2.2.1966

Herkunft, Verwandtschaften: Vater: Adolf Pichl, Polizeikommissär in Bilin; Mutter: Maria, geb. Wenisch, Hausfrau.

Ausbildungen: Volksschule, Bürgerschule und Fortbildungsschule in Bilin, Lehrerinnenbildungsanstalt in Eger, Abschluss 1909 mit Auszeichnung, WS 1910/11 bis 1913/14 außerordentliche Hörerin an der Universität Wien, Matura am k. u. k. Staatsgymnasium mit deutscher Unterrichtssprache in Brünn, seit SS 1914 als ordentliche Hörerin Studium der katholischen Philosophie an der Universität Wien, Dr.phil. 1915, Dissertation: „Zur Biographie des Francesco Guiseppe Borri“, ein Mailänder Sektenstifter und Alchemist des 17. Jahrhunderts, der an vielen europäischen Höfen, auch in Wien, gewirkt hat und mit der Inquisition in Konflikt geraten war; Redlich, ihr Erstbegutachter, kritisierte ihr mangelndes Distanzierungsvermögen gegenüber Borri und benotete, wie der Zweitbegutachter, ihre Dissertation mit „Genügend“, auch die Prüfungen wurden mit „Genügend“ beurteilt.

Laufbahn: Februar bis April 1910 Lehrerin an der Volksschule in Osseg, anschließend bis zu Ferienbeginn an der Mädchenbürgerschule in Bilin, Februar bis Juli 1917 Lehrerin an der öffentlichen Bürgerschule Wien 20, anschließend bis Juli 1918 im Mädchenlyceum Wien 8, September 1918 bis 20. November 1920 Angestellte der Katholischen Frauenorganisation Niederösterreichs, anschließend bis 31. August 1922 Beschäftigung in der Zentrale der Katholischen Frauenorganisation, Engagement als Referentin der Schulsektion in Fragen der Erziehung und Mädchenbildung, im Herbst 1919 Mitglied des Arbeitsausschusses, der die Richtlinien christlichsozialer Frauenpolitik ausarbeitete. In der Frauenwoche vom 9. bis 16. Mai 1920 und im Politischen Frauenkurs von 6. bis 11. September 1920 Referat zum Thema „Die Geschichte der Frauenrechtsbewegung“; ab 24. September 1920 gemeinsam mit Sr. Benedikta Vorsitzendestellvertreterin von Hildegard Burjan in der Caritas Socialis; eine von sieben weiblichen Delegierten von insgesamt 28 der Wiener Parteiorganisation auf dem Reichsparteitag von 7. bis 9. Juni 1921, meldete sich auch zu Wort, ebenso am außerordentlichen Reichsparteitag 1922, Teilnahme an den Reichsparteitagen 1926, 1928, 1931; Mitorganisatorin und Referentin der Tagung Frauenarbeit in Haus und Erwerbsleben; für die Wiener Landespartei Delegierte am Parteitag der Wiener Christlichsozialen Partei 1932, dramatische Niederlage der CSP bei den Wiener Gemeinderatswahlen, stellte nur mehr 19 Prozent der MandatarInnen, Teilnahme am außerordentlichen Wiener Parteitag am 25. Juni 1933; 1. September 1923 bis 31. Oktober 1937 Leiterin der von der KFO Niederösterreich 1916 gegründeten Sozialen Frauenschule in Wien, sowie 1945-1957; Mitglied des Bundesrates CSP 1.12.1920-2.5.1934, umjubelte Rednerin bei den vom Antisemitenbund und Deutschvölkischem Schutz- und Trutzbund im Neuen Rathaus veranstalteten Kundgebungen; Gründung des Vereins Freunde der Sozialen Frauenschule 1935, der Geld für Schulen, z. B. durch Lotterien, aufbringen sollte. Die Soziale Frauenschule wurde 1938, mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten, geschlossen. 1945 wurde sie von der Caritas der Erzdiözese Wien übernommen und B. P. wieder Leiterin. 1957 ging B. P. in Pension.

Ausz.: Hofrat.

Qu.: UA Wien. AdR, BM für Unterricht, Personalakt, Tagblattarchiv (Personenmappe).

W.: „Beiträge zur Biographie des Francesco Guiseppe Borri. Phil. Diss.“ (1915), „10 Jahre Frauenwahlrecht in Österreich. In: Frauen-Briefe, 41“ (1929), „Das arische Wien gegen jüdische Sittenlosigkeit. In: Deutsch-Österreichische Tageszeitung, 24.4.1922.“, „Der Antrag Pichl gegen Schund- und Schmutzschriften. In: Neue Freie Presse, 24.3.1928“, „Die Protestkundgebung der christlichen Frauen. In: Reichspost, 19.6.1919“

L.: Hauch 1995, Heindl/Tichy 1990, Kronthaler 1995, Pawlowsky 1990, Pfoser 1984, Schöffmann 1984