Otley Helen

geb. Schlesinger, Helene, verh. Beck; Physikerin und Bibliothekarin
* 13.10.1911, Wien, † 13.1.2003, Rockville, Maryland, USA

Herkunft, Verwandtschaften: Helen Otley wurde als erstes Kind des Juristen und Bahnbeamten Moriz Schlesinger und seiner Frau Helene in Wien im Jahre 1911 geboren. Der Großvater mütterlicherseits stammte aus dem Banat und betrieb eine Imkerei in Klosterneuburg, die sogenannte und von der kleinen Helene geliebte Bienenburg. Vater Moriz war eines der vielen Kinder aus dem Haushalt Sigmund Schlesingers, Lustspieldichter und Feuilletonredakteur, verheiratet mit Marie Pokorny, der Tochter von Franz Pokorny, Besitzer des Theaters an der Wien und des Josefstädter Theaters. Moriz Schlesinger schilderte diesen Junggesellenhaushalt, der zufällig mit einer Frau und zwölf Kindern versehen war, auf Anregung seiner Kinder in der 1993, lange nach seinem Tod erschienenen, amüsanten und die Wiener Fin de Siècle Gesellschaft treffend charakterisierenden Autobiographie „Das verlorene Paradies“.
LebenspartnerInnen, Kinder: 1. Ehe mit Karl Beck, 1951. 2. Ehemann: Kurt Österreich (Otley), 1962.
Ausbildungen: Helene lernte sehr früh anderssprachige Familien und Kinder kennen und besuchte auch die erste Klasse der Volksschule in Agram (Zagreb, jetzt Kroatien), da ihr Vater dort Bahnbeamter war. Bis zu ihrem 18. Lebensjahr war die Schule in der Rahlgasse im 6. Bezirk der Mittelpunkt ihrer Kindheit und Jugend. Ein faszinierend und unorthodox lehrender Physiker entfachte in Helene die Leidenschaft für die Naturwissenschaften. Nach der Matura inskribierte sie Mathematik und Physik und studierte unter anderem auch bei Hans Thirring. Während ihrer Studienzeit war sie Mitglied und Funktionärin des Verbandes sozialistischer Studenten. Kurze Zeit engagierte sich Helene auch nach dem Putsch und Staatsstreich des Jahres 1934 bei den Revolutionären Sozialisten, gab dies aber aus Rücksicht auf die Position des Vaters als Pensionist und Alleinerhalter der Familie auf.
Helene liebte es, Klavier zu spielen, obwohl sie zugeben musste, dass ihr im Jahr 1925 geborener Bruder Otto das absolute Gehör besaß und dafür geeigneter war als sie. Helenes Leidenschaft für Musik bewirkte eine Änderung in ihren Studienplänen. Nicht mehr das Lehramt ist ihr Ziel, sondern die Forschung, speziell die Zusammenhänge zwischen Physik und der Klangerzeugung mit dem Klavier. Nach ihrer Promotion bei Stefan Meyer im Jahre 1937 fand Helene Schlesinger keine Anstellung als Physikerin, ihre politische Gesinnung war ja bekannt.
Nach dem „Anschluss“ war sie gezwungen zuzusehen wie ein Großteil ihrer Freunde Wien verlassen musste. Einer der letzten war Kurt Österreich. Da sie in Wien keine regulär bezahlte Anstellung bekam und ihr Freundeskreis bereits sehr reduziert war, nahm sie die ihr angebotene Stelle im Kabelwerk Vogel in Köpenick, Berlin an, danach 1940 bei Zeiss in Dresden. Sowohl in Berlin als auch in Dresden gewann sie FreundInnen mit politisch linkem Hintergrund. Sie verließ Dresden und ging wieder nach Berlin zurück zu Siemens, vor allem um sich für Siemens Wien bewerben zu können, damit sie mit der geliebten Familie zusammen sein konnte. Doch am 25. September 1942 wurde Helene Schlesinger an ihrem Arbeitsplatz in Berlin verhaftet. Den Befragungen im Polizeipräsidium folgten weitere Tage der Inhaftierung mit Verhören durch die Gestapo. Sie traf auch auf ihre ebenfalls inhaftierte Freundin Hilde. Eine Zellengenossin, ebenfalls aus dem kommunistischen Widerstand, berichtete ihr über das Auffliegen einer Kerngruppe, deren Folterungen durch die Gestapo zu immer weiteren Namensnennungen geführt haben und somit wurde auch Helene Schlesinger in diesen Sog hineingezogen. November 1942 wurde sie als Schutzhäftling nach Auschwitz deportiert, ahnungslos was sie dort erwarten sollte. Es gelang Helene, die nachweislich, so wie ihre Familie der protestantischen Konfession angehörte, den Namen Schlesinger als einen in der österreichischen Monarchie üblichen Namen darzustellen und entging dadurch der Zuteilung in den jüdischen Frauenblock. Ihre schrecklichen und fast tödlichen Erlebnisse und Krankheiten im Konzentrationslager schilderte sie in ihrer Autobiographie „Wien, Auschwitz, Maryland“.
Dass Helene Schlesinger dem Konzentrationslager relativ schnell entkommen ist, verdankte sie paradoxerweise ihrer geplanten Anklage vor dem Volksgerichtshof. Aber sowohl ihr Prozess als auch der ihrer Freundin Hilde wurde zu einem rangniedrigeren Gericht verschoben. Das Urteil bedeutete für Helene Gefängnis bis zum 29. März 1945. In Leipzig im Gefängnis erlebte sie das nahende Kriegsende und wird noch durch die Eigenmächtigkeit der Verwaltung vier Wochen vor dem Ende ihres Hafttermins entlassen. Das Jahr 1945 bedeutete Hunger, Entbehrung und die Sorge um den vermissten Bruder. Jedoch war sie mit den Eltern vereint. 1946 suchte sie um eine Anstellung bei der Stadt Wien an und begann eine Berufslaufbahn als Bibliothekarin bei den Wiener Städtischen Büchereien. Helene Schlesinger hatte schon immer geschrieben. Einige ihrer Gedichte, auch aus der dunklen Zeit zwischen 1938 und 1945, sind in dem Band „Helen Otley: Wieder einmal Menschen werden“ erschienen. Als Bibliothekarin schrieb sie weiter, nicht nur Rezensionen, sondern sie verfasste auch das Konzept zu einer naturwissenschaftlichen Rundfunksendung. Im Jahre 1949 lernte sie ihren Kollegen Karl Beck kennen, die beiden heirateten 1951. Helene Schlesinger, später Beck, ist eine engagierte Bibliothekarin, zuerst als Leiterin der jetzt noch bestehenden Bücherei in der Weimarerstraße, dann später in Mariahilf in der Stumpergasse. Nebenbei arbeitet sie für die Wiener Volksbildung, aber auch für die Bildungsorganisation innerhalb der Sozialistischen Partei Österreichs. Helene Beck musste natürlich auch eine Volksbibliothekarsprüfung ablegen. Ihr Hausarbeitsthema wendete sich dabei wieder ihrem erlernten Beruf zu: „Über die Bedeutung der Naturwissenschaften für den Bibliothekar“.
Als das Statistische Amt der Stadt Wien im Jahre 1955 eine MathematikerIn suchte, nahm sie die Gelegenheit wahr und wechselte auf den höher dotierten Akademikerposten.
Ihren geliebten Bruder hat sie nie mehr wieder gesehen, dem gebrochenen Vater musste sie zwei Jahre beim Leiden zusehen. Ihren Mann Karl Beck verlor sie schon im Jahr 1960. Helene war eine Frau aus der Generation der BriefschreiberInnen. Sie versuchte mit alten emigrierten Freunden in Kontakt zu kommen, und fand dabei wieder Kurt Österreich, der nach seiner Emigration über England mit seiner Frau nach den Vereinigten Staaten ausgewandert war und in den USA unter dem Namen Otley lebte. Es entspann sich eine intensive Korrespondenz und als Kurt Otleys Frau starb, überlegte Helene nicht lange und zog auf seinen Vorschlag zu Kurt nach Rockville – Maryland. In den USA heiratete sie 1962 wieder und wurde zu Helen Otley, die aber ihre Heimat nicht vergessen konnte und wollte. Sie korrespondierte mit alten Freunden und Kollegen, suchte sich über die jeweilige politische Situation in Österreich zu informieren und hielt Kontakt zu den österreichischen Gedenkdienern im Holocaust Museum in Washington. Einem von diesen, dem Psychologen Anton Legerer, der sich ihrer besonderen Zuneigung erfreuen konnte, vertraute sie einmal an, dass ihr das Hausfrauendasein nicht besonders zusagte. Nach dem Tod ihres Mannes Kurt Otley kam sie noch ein letztes Mal nach Österreich und auch wieder zu Besuch zu den Büchereien Wien, eine vornehme, alte aber geistig ungeheuer jung gebliebene Dame. Ihre Freundschaft zu ihrem ehemaligen Kollegen Heinrich Thomas hatte sie all die Jahre gepflegt. Die Präsentation ihres Buches bot ihnen wieder die Gelegenheit eines langen Gedankenaustausches. Am 13. Jänner 2003 ist Helen Otley in ihrem Haus in Rockville gestorben. Ihr Erbe vermachte sie Amnesty International, der Organisation United Farm Workers of America (Interessensvertretung der LatinoarbeiterInnen) und dem Southern Poverty Law Center (Förderung der Afroamerikanischen Bevölkerung der Südstaaten).

Werke

Wien, Auschwitz, Maryland: 1995.
Wieder einmal Menschen werden. 1995.
Eulenspiegel in Wien. Politisches Theaterstück. o. J.
Before and After Auschwitz. My Life until 1945. 2001.

Biografieautor:

Renate Obadalek

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