Januszewska, Gisela

geb. Rosenfeld, verh. Kuhn

* 22.1.1867, Drnowitz, Mähren (Drnovice, Tschechien), † 2.3.1943, Theresienstadt, Deutsches Reich (Terezin, Tschechien)
Ärztin

Töchterschule Brünn/Brno; Matura in der Schweiz, Studium an der Universität Zürich, 1897 (1898) Dr.med. Voluntärärztin an der geburtshilflichen Frauenklinik in Zürich, Krankenkassenärztin in Remscheid; wegen fehlender deutscher Approbation Tätigkeitsverbot; März 1899 Ärztin für muslimische Frauen in Banja Luka/Bosnien und „Amtsärztin im Hauptmannsrang“ der österreichischen Regierung; 24. Februar 1915 Nostrifikationspromotion, Graz; 1916 Freiwilligendienst im Militärsanitätsdienst und einzige dem Militärkommando zur Verfügung stehende Ärztin, bis 1918 als Internistin im Kriegsdienst; 1919 Eröffnung der eigenen Praxis; 1942 Deportation in das Konzentrationslager Theresienstadt nach Böhmen − angeblich „natürlicher Tod“.

G. J. war die Tochter des Landgutpächters in Slawonien, Leopold Rosenfeld, dann Roda, und eines der vier Geschwister des österreichischen satirischen Schriftstellers Alexander Roda Roda.
In erster Ehe mit dem wesentlich älteren Joachim Kuhn verheiratet, erfolgte die Scheidung nach wenigen Jahren. In zweiter Ehe war sie mit ihrem anfänglichen Vorgesetzten und um zwanzig Jahre älteren Regierungsrat und Mediziner Ladislaus Januszewski verheiratet.
G. J. besuchte die Töchterschule in Brünn/Brno. Nach der Scheidung übersiedelte sie in die Schweiz, legte die Matura ab und studierte an der Universität Zürich Medizin, 1897 (1898) Dr.med.
Ihre ersten Berufserfahrungen sammelte sie als Voluntärärztin an der geburtshilflichen Frauenklinik in Zürich und als Krankenkassenärztin in Remscheid (Rheinprovinz) im Deutschen Reich. Sie wurde zunächst im Frühjahr 1898 von der Allgem. Ortskrankenkasse in Remscheid angestellt zur Behandlung der über 600 weiblichen Mitglieder und ihrer Kinder. Wenige Wochen darauf verbot die Aufsichtsbehörde die Kassenpraxis, da G. K. keine deutsche Approbation hatte. Der in einem Ärztestreik gipfelnde Konflikt zwischen Ortskrankenkasse und Ärzteschaft ließ alle Bemühungen, G. K. als Kassenärztin weiter zu beschäftigen, scheitern. Im März 1899 wurde sie nach Banja Luka/Bosnien als Ärztin für muslimische Frauen berufen und von der österreichischen Regierung als „Amtsärztin im Hauptmannsrang“ beschäftigt. Nach der Eheschließung musste sie ihren Dienst als Amtsärztin zurücklegen und übte ihren Beruf als Privatärztin aus. Als solche wurde sie Leiterin eines von der Stadt Banja Luka errichteten Ambulatoriums für muslimische Frauen. Sie erlangte großen Bekanntheitsgrad als Epidemieärztin bei Blattern, Typhus, Flecktyphus, Syphilis und der bei den muslimischen Frauen grassierenden Osteomalazie (Knochenerweichung). Nach der Pensionierung ihres Mannes 1912 ging das Ehepaar nach Graz. G. J. nahm ihre Studien wieder auf und legte an der Grazer Universität das zweite und dritte Rigorosum ab. Am 24. Februar 1915 fand ihre Nostrifikationspromotion statt. Als ihr Mann 1916 starb, meldete sie sich freiwillig zum Militärsanitätsdienst und war die einzige dem Militärkommando zur Verfügung stehende Ärztin und bis 1918 als Internistin im Kriegsdienst. Für ihre aufopfernde Tätigkeit wurde sie mit der Kriegsmedaille ausgezeichnet, weiters mit dem Ehrenzeichen vom Roten Kreuz, mit der Kriegsdekoration und mit dem Goldenen Verdienstkreuz mit der Krone. 1919 eröffnete sie ihre eigene Praxis als praktische Ärztin in Graz und war bis 1933 als Kassenärztin (Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe) beim Verband der Krankenkassen für Steiermark (und Kärnten) tätig. G. J. war als sozial engagierte Ärztin bekannt. Sie behandelte notleidende PatientInnen nicht nur im Rahmen des Vereins Witwen und Waisen nach öffentlichen Beamten vollkommen unentgeltlich, sondern unterstützte manche auch persönlich. Als zweite Ärztin Österreichs wurde sie mit dem Titel „Medizinalrat“ ausgezeichnet. Mit Jahresende 1935 schloss sie zwar ihre Ordination, setzte aber ihr soziales Wirken weiterhin fort. Als die Krönung ihres arbeitsreichen Lebens empfand sie 1937 die Verleihung des Ritterkreuzes des Österreichischen Verdienstordens. Mit dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich 1938 nahm ihr Leben eine dramatische Wende. 1940 musste sie ihre Grazer Wohnung aufgeben und war gezwungen, nach Wien zu übersiedeln. Sie wurde am 28.6.1942 in das Konzentrationslager Theresienstadt nach Böhmen deportiert und starb dort eines „natürlichen Todes“.
G. J. erhielt folgende Auszeichnungen: Nach dem 1. Weltkrieg Kriegsmedaille, Ehrenzeichen vom Roten Kreuz mit der Kriegsdekoration und Goldenes Verdienstkreuz mit der Krone, 1929 Medizinalrat, 1937 Verleihung des Ritterkreuzes des Österreichischen Verdienstordens.

Werke

Veröffentlichte über Osteomalacie, Tetanie und Tracheitis membraceae.

Literatur / Quellen

Aigner, R.: Die Grazer Ärztinnen aus der Zeit der Monarchie. In: Zeitschrift des Historischen Vereines für Steiermark 70.Jg., 1979, S. 45 – 70.
Bleker, J. / Schleiermacher, S.: Ärztinnen aus dem Kaiserreich. Lebensläufe einer Generation. Weinheim, 2000.
Feikes, R.: Veränderungen in der Wiener Jüdischen Ärzteschaft 1938. Diplomarbeit Wien, 1993.
Österreich 1918-1934. Wien, 1935, S. 396.
Ziegeler, B.: Weibliche Ärzte und Krankenkassen. Anfänge ärztlicher Berufstätigkeit von Frauen in Berlin 1893- 1935 (= Ergebnisse der Frauenforschung 31). Weinheim, 1993.

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