Jánoska-Bendl Judith

verh. Jánoska

* 21.9.1931, Graz, Stmk., † 14.2.2007, Bern, Schweiz
Soziologin und Philosophin

Geboren am 21. September 1931 in Graz. Studium an der Karl-Franzens-Universität in Graz, Hauptfach Philosophie, Nebenfach Romanistik; Dissertation über „Logische Analyse der Dialektik unter besonderer Berücksichtigung der Hegelschen Denkweise“; Promotion 1955. Im selben Jahr Eheschließung mit Dr. Georg Jánoska. 1955-1961 Wissenschaftliche Hilfskraft, 1961-1965 Assistentin am Institut für philosophische Soziologie der Universität Graz (Dir. Prof. K. Radakovic). Habilitation für „Philosophische Soziologie“ an der Universität Graz. Verleihung der venia legendi am 14. Januar 1964.
Mai 1965 bis Januar 1967 wissenschaftliche Assistentin am Institut für Philosophie an der Technischen Universität Darmstadt (Dir. Prof. K. Schlechta). 14. Juli 1966 Umhabilitierung an die Fakultät für Kultur- und Staatswissenschaften der TH Darmstadt für das Fach „Soziologie“. 9. August 1967 Umhabilitierung an die Rechts- und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Universität Bern für „Theoretische Soziologie“. 1970/71 Vertretung des Lehrstuhls für Soziologie (Prof. U. Jaeggi) an der Ruhr-Universität Bochum. Zunächst Privatdozentin, ab 1972 bis zu ihrer Emeritierung (1996) nebenamtliche außerordentliche Professorin für „Soziologische Theorie“ am Institut für Soziologie der Universität Bern. Gestorben am 14. Februar 2007 in Bern.

Nach der philosophischen Ausbildung an der Universität Graz war es wohl der Umstand ihrer Anstellung am Institut für philosophische Soziologie, der dazu führte, dass sie sich nach der Promotion zunehmend mit soziologischen Fragen befasste. Es war ein Gastprofessor aus den USA, Ernest Manheim (ein Cousin Karl Mannheims), der J. J. mit der neueren amerikanischen Soziologie bekannt machte und sie 1956 auch zum Besuch des Salzburg Seminars in American Studies motivierte (1996, S. 345). Dort lernte sie u. a. Talcott Parsons und Ralf Dahrendorf kennen, denen sie in der Folgezeit Lehrveranstaltungen gewidmet hat. Sie führte zudem selbständige Seminare zu Machiavelli (vgl. den Artikel von 1958), Pareto, Vico oder zur „Kultursoziologie der Arbeit im Abendland“ durch. Früh plädierte sie gegen positivistische Ansätze für eine „philosophische Soziologie“, die sie als historisch-genetische Kultursoziologie konzipierte (1959, S. 55f.). In Auseinandersetzung mit Dahrendorfs „Homo sociologicus“ entstand ihr bedeutender Aufsatz über „Probleme der Freiheit in der Rollenanalyse“ (1962). Auch beschäftigte sie sich nun verstärkt mit Max Weber, wovon die Habilitationsschrift über „Methodologische Aspekte des Idealtypus“ zeugt (1965). Das philosophisch belehrte Interesse an Fragen sozialwissenschaftlicher Methodologie wurde damit zu einem zentralen Thema ihrer wissenschaftlichen Arbeit, wie sich auch viel später noch im historischen und systematischen Kommentar zum „Methodenkapitel“ von Karl Marx zeigt (Jánoska u. a. 1994).

Im Frühjahr 1965 hätte sich die Gelegenheit geboten, ein Amerika-Stipendium zu erhalten. Sie hat zugunsten der Karriere ihres Mannes verzichtet und ist mit ihm nach Darmstadt und zwei Jahre später nach Bern gezogen, wo Georg Jánoska eine Professur für Philosophie antrat. Hier wurde sie zwar zur außerordentlichen nebenamtlichen Professorin ernannt, erhielt aber nie eine volle Professur (was sie zeitlebens geärgert hat). Dennoch spielte sie am Institut für Soziologie eine zentrale Rolle und hat mit ihren unkonventionellen Lehrveranstaltungen und der charakteristischen Mischung aus scharfem Verstand und Ironie Generationen von Studenten und vor allem auch Studentinnen beeinflusst. Um 1980 begann sie, sich mit der neueren Frauenforschung und mit feministischer Theorie zu beschäftigen. Mit gewohntem Scharfsinn attackierte sie den allgemeinen Betroffenheitsjargon vieler (akademischer) Feministinnen und plädierte gegen eine „scheeläugige Rivalität“ für eine kämpferische Elemente integrierende Konkurrenz zwischen Frauen. Diese Form von Solidarität könne dann am ehesten entstehen und bestehen, wenn sie „von einem gewissen Maß an agonaler Erotik getragen“ werde (1982, S. 339). Ihr knapper, aber äußerst präziser Aufsatz „Über Solidarität“ hat vielfältige Resonanz erfahren, wie sich in der Festschrift zu ihrem 60. Geburtstag über „Solidarität – Streit – Widerspruch“ (1991) nachlesen lässt. Sie hat sich weiterhin mit der Geschichte der Soziologie sowie mit methodologischen und wissenschaftstheoretischen Fragen beschäftigt, nun ergänzt um feministische Theorie. Sie blieb eine an der klassischen deutschen Philosophie geschulte, Karl Marx und Max Weber verbindende ebenso akkurate wie humorvolle Denkerin und engagierte Dozentin − eine philosophische Soziologin im besten Sinne des Wortes.
In ihren letzten Jahren hat sie sich mit den philosophischen Schriften von Anna Tumarkin beschäftigt, die 1898 als erste Frau in Europa als Philosophin an der Universität Bern habilitiert worden war und dort jahrzehntelang gelehrt hat. Von diesen umfangreichen Arbeiten konnte leider nur noch posthum der Aufsatz über „Die Methode der Anna Tumarkin“ (2007) veröffentlicht werden.

Werke

Niccolò Machiavelli. Politik ohne Ideologie. In: Archiv für Kulturgeschichte, Bd. XL, 1958, S. 315-345.
Bemerkungen zur philosophischen Soziologie. In: Philosophie der Toleranz. Festschrift zum 65. Geburtstag von Konstantin Radakovic, Leykam-Verlag, Graz, 1959, S. 45-58.
Georg Wilhelm Friedrich Hegel – die Vernunft in der Geschichte. In: Unser Weg, Graz, 15/10, 1960, S. 463-483.
Probleme der Freiheit in der Rollenanalyse. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 14/3, 1962, S. 459-475.
Methodologische Aspekte des Idealtypus: Max Weber und die Soziologie der Geschichte. Duncker & Humblot, Berlin, 1965. (Spanische Ausgabe: Max Weber y la sociologia de la historia: Aspectos metodologicos del tipo ideal. Sur, Buenos Aires, 1972)
Das Interesse an der Soziologie. In: Müller, J. P. (Hg.): Haben Soziologie und Psychologe die Philosophie als Grundlagenwissenschaft abgelöst? Verlag Paul Haupt, Bern, Stuttgart,1974, S. 23-32.
Soziologische Strukturen in erkenntnistheoretischen Problemen. In: Weinke, K. (Hg.): Logik, Ethik und Sprache. Festschrift für Rudolf Freundlich. R. Oldenbourg, Wien, München, 1981, S. 72-82.
Solidarität statt Betroffenheit oder: Wer darf rational sein? In: Stärke weiblicher Schwächen oder Schwäche weiblicher Stärken. Dokumentation der 4. Arbeitstagung Frauen und Wissenschaft, Bern, 1982.
Über Solidarität. In: Schweizerische Zeitschrift für Soziologie, 8/2, 1982, S. 331-340.
Demokratie als Klassenkampf: Die Marxsche Kritik. In: Svilar, M. (Hg.): Probleme der Demokratie (Universität Bern. Kulturhistorische Vorlesungen), Peter Lang, Bern u. a.,1983, S. 25-47.
Dialektischer Nominalismus – Marx jenseits der magischen Totalität. In: Manuskripte. Zeitschrift für Literatur, 23, 1984, S. 103-108.
Über zweierlei Solidarität und die Gleichheit der Geschlechter vor der Vernunft. In: Eva & Co. Eine feministische Kulturzeitschrift, Graz, 1986/4.
Richard Bäumlin und die Soziologie in Bern. In: Herzog, R. (Hg.): Zentrum und Peripherie. Festschrift für Richard Bäumlin, Verlag Rüegger, Chur, Zürich, 1992, S. 361-362.
Gem. mit Bondeli, M. / Kindle, K. / Hofer, M.: Das „Methodenkapitel“ von Karl Marx. Ein historischer und systematischer Kommentar. Schwabe, Basel, 1994.
Soziologie für Sozialismus. In: Fleck, Ch. (Hg.): Wege zur Soziologie nach 1945. Biographische Notizen, Leske und Budrich, Opladen, 1996, S. 339-351.
Kann es marxistischen Feminismus geben? In: Trübner, P.(Hg.), Das Heiße und das Kalte. Kunst und Gesellschaft. Symposiumsbeiträge für Urs Jaeggi, Peter Lang, Bern, 1997, S. 159-172.
Einige Gründe dafür, das ‚Sex-Gender-System’ beizubehalten. In: Brander, St. / Schweizer, R. J. / Sitter-Liver, B.(Hg.): Geschlechterdifferenz und Macht. Reflexion gesellschaftlicher Prozesse, 18. Kolloquium (1999) der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften, Universitätsverlag Freiburg, Freiburg Schweiz, 2001, S. 231-246.
Die Methode der Anna Tumarkin, Professorin der Philosophie in Bern. In: Arni, C. / Glauser, A. / Müller, Ch. / Rychner, M. / Schallberger, P. (Hg.): Der Eigensinn des Materials. Erkundungen sozialer Wirklichkeit. Festschrift für Claudia Honegger zum 60. Geburtstag. Stroemfeld Verlag, Frankfurt am Main, 2007, S. 151-168.

Literatur / Quellen

Jánoska, G. / Jánoska, J.: Das dialektische Apriori. In: Dialectica, 24, 1-3, 1970, S. 157-163.
Jánoska, G.: Sein und Bedeutung. Philosophische Schriften 1952-1989, hrsg. von Brander, St. / Broccard, N. / Jánoska, J. / Suter, A., Peter Lang, Bern, 1992.
Belser, K. / Ryter, E. / Schnegg, B. / Ulmi, M. (Hg.): Solidarität Streit – Widerspruch. Festschrift für Judith Jánoska, eFeF-Verlag, Zürich, 1991.

BiografieautorIn:

Claudia Honegger