Streissler, Monika

geb. Ruppe

* 1937, Leipzig
Staatswissenschafterin und akademische Übersetzerin

M. St. wurde als Monika Ruppe 1937 in Leipzig geboren und verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Wien und Salzburg.
Prägend für ihren weiteren Werdegang war, dass M. R. als erste Salzburger American Field Service (AFS) Stipendiatin das Schuljahr 1953/54 an der Gardner High School in Massachusetts, USA, verbringen durfte. Seit damals ist sie dem anglo-amerikanischen Sprachraum emotional und intellektuell tief verbunden.
1955, nach der Matura am Mädchen-Realgymnasium in Salzburg, begann sie an der Universität Wien mit einem Doppelstudium: Neben dem damaligen Studium der Staatswissenschaften (ein Kombinationsstudium aus Jus, Volkswirtschaft und Politologie) absolvierte sie ein Diplomstudium zur akademischen Übersetzerin für Englisch, das sie 1958 abschloss. Ab 1959 arbeitete sie als wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Wirtschafts- und Sozialpolitik bei Theodor Pütz, der ihr ein wichtiger Mentor wurde.
Dort lernte sie auch Erich Streissler kennen, den sie 1961 heiratete.
1961 beendete sie das Studium der Staatswissenschaften mit einer Dissertation zum Thema „Zum Begriff der Wertung in der Älteren Österreichischen Grenznutzenschule“. In dieser Dissertation (1962 publiziert unter Monika Ruppe-Streissler) beschäftigte sie sich mit dem Begriff der subjektiven „Wertung“ bei Carl Menger, Eugen Böhm-Bawerk und Friedrich Wieser und untersuchte ihn auf seinen möglichen sozialen und ideologischen Standort, um im Wege einer Analyse der dem Wertungsmodell zugrundeliegenden Annahmen eine Hypothese der „Vision“ (im Schumpeterschen Sinne) zu entwickeln, von der das ökonomische Modell der Grenznutzen-Ökonomen ausgegangen sein könnte.
1962, nach der Geburt ihrer Tochter Susanne, schied M. St. aus dem Universitätsdienst aus – eine Tatsache, die auch noch von mehreren nachfolgenden Generationen von Studierenden mit großem Bedauern gesehen wurde. Fortan widmete sie sich freiberuflich der wissenschaftlichen Publikations-, Übersetzungs- und Editionstätigkeit. 1963 wurde ihr Sohn Christoph geboren.
M. St. blieb der Staatswissenschaft und hier insbesondere der Ökonomie verbunden, da sie zum einen ihren Mann, der inzwischen Ordinarius geworden war und in Oxford, Freiburg und seit 1968 in Wien tätig war, fachlich unterstützte und auch gemeinsam mit ihm publizierte. Zum anderen konzentrierte sie sich in ihren Übersetzungsarbeiten auf ökonomische Fachliteratur. Mit der ihr eigenen Liebe zur Sprache und mit großer Detailgenauigkeit konnte sie eine Reihe von Übersetzungen von Klassikern und aktuellen Werken publizieren, deren Qualität im deutschen Sprachraum (nicht nur) von ÖkonomInnen nach wie vor gerühmt wird.
1968 kam Tochter Agnes auf die Welt. Zu dieser Zeit beschäftigte sich M.St. mit Problemen der damals gerade in Deutschland und Österreich viel diskutierten Theorie der Interessenverbände.
1974, dem Jahr der Geburt ihrer Tochter Isabella Anna, publizierte sie ein UTB-Taschenbuch „Theorie des Haushalts“: ein Lehrbuch der Nachfrage- und Konsumtheorie, einem in den 1960er und 70er Jahren in der deutschen Fachliteratur noch wenig behandelten Zweig der Wirtschaftstheorie. Die Darstellung orientierte sich an der in diesem Bereich viel weiter entwickelten anglo-amerikanischen Theorie. Neben einschlägigen streng theoretischen Fragenkomplexen behandelt es die wichtigen sozialökonomischen Aspekte von Nachfrage und Konsum. Das Buch wurde einige Jahre lang an deutschen Universitäten in der Lehre viel verwendet, nicht zuletzt von SoziologInnen.
In den darauffolgenden Jahren übersetzte M. St. zahlreiche ökonomische, wirtschaftshistorische und institutionenökonomische Werke bedeutender englischsprachiger Autoren des 20. Jahrhunderts, u. a. von Friedrich August Hayek, John K. Galbraith, Gary S. Becker, David F. Good, Douglass C. North, Mancur Olson oder Oliver E. Williamson.
Mit besonderer Hingabe übersetzte sie Adam Smiths „An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations“ aus 1776 (erschienen 1999 als „Untersuchung über Wesen und Ursachen des Reichtums der Völker“). Diese Neuübersetzung ist die einzige deutsche Übersetzung, die den als endgültig zu betrachtenden Text des „Wealth of Nations“ (3. Auflage) in der von R. H. Campbell und A. S. Skinner erarbeiteten kritischen Glasgow-Edition der Werke von Adam Smith (Oxford 1976) zugrundelegt. Bis heute sieht sie es als traurigen Misserfolg, dass diese textgetreue und um Wiedergabe der hohen Qualität Smithscher Prosa bemühte Übersetzung im deutschen Sprachraum, insbesondere bei Studierenden weniger Verbreitung findet als die von vielen Fachleuten sprachlich wie inhaltlich für minderwertig befundene Übersetzung von Horst Claus Recktenwald aus 1976.
1984 publizierte sie gemeinsam mit Erich Streissler das über Jahre gültige Lehrbuch „Volkswirtschaftslehre für Juristen“, das in seiner dritten Auflage (1996) eine grundlegende Überarbeitung erfuhr. Durch dieses Buch ist sie auch jüngeren JuristInnen in Österreich ein Begriff.
In den vergangenen Jahren hat M. St. neben der aktiven (und meist „unsichtbaren“) Unterstützung bei zahlreichen Publikationen, Essays und Zeitungsartikeln ihres Mannes sich auch immer wieder mit Freude der Übersetzung kunsthistorischer und ethnologischer Texte (für Kataloge und Ausstellungen in Wiener Museen) gewidmet.

Werke

Schriften

Zum Begriff der Wertung in der Älteren Österreichischen Grenznutzenschule, Zeitschrift für Nationalökonomie, Wien, 1962.
Tarifautonomie und wirtschaftspolitische Macht von Interessenverbänden als rechtspolitische Probleme. Wiener Studien zur Wirtschafts- und Sozialpolitik, 1970.
Theorie des Haushalts. UTB, Stuttgart, 1974.
Carl Menger’s Lectures to Crown Prince Rudolf of Austria, Aldershot GB 1990. (Mitherausgeberin, mit Erich Streissler, und Übersetzerin. Zweisprachige Ausgabe)
Volkswirtschaftslehre für Juristen, Wien, 1984 (1. Aufl), 1996 (3., völlig überarbeitete Aufl) (Mitautorin, mit Erich Streissler)

Übersetzungen von Werken wichtiger Ökonomen u. a.

Becker, G. S.: Familie, Gesellschaft und Politik – die ökonomische Perspektive, Tübingen, 1996.
Galbraith, J. K.: Die Entmythologisierung der Wirtschaft, Wien, Darmstadt, 1988.
Good, D. F.: Der wirtschaftliche Aufstieg des Habsburgerreiches, Wien, Köln, Graz, 1986.
Hayek, F. A.: Recht, Gesetz und Freiheit, Tübingen, 2003.
Ders.: Die verhängnisvolle Anmaßung: Die Irrtümer des Sozialismus, Tübingen, 1988.
Ders.: Die reine Theorie des Kapitals, Tübingen, 2006.
Jones, E. L.: Das Wunder Europa, Tübingen, 1991.
Ders.: Globalisierung der Kultur? Tübingen, 2008.
North, D. C.: Theorie des institutionellen Wandels, Tübingen, 1988.
Ders.: Institutionen, institutioneller Wandel und Wirtschaftsleistung, Tübingen, 1992.
North, D. C./Wallis, J. J. / Weingast, B. R.: Gewalt und Gesellschaftsordnungen, Tübingen, 2011.
Olson, M.: Umfassende Ökonomie, Tübingen, 1991.
Williamson, O. E.: Die ökonomischen Institutionen des Kapitalismus, Tübingen, 1990.

Literatur / Quellen

BiografieautorIn:

Agnes Streissler-Führer

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