Sturm-Schnabl, Katja

(Stanislava Katharina)

* 17.2.1936, Svinča vas (Zinsdorf), Kärnten
Literatur- und Kulturhistorikerin, Sprachwissenschafterin und Südslawistin

Geboren in eine slowenische Bauernfamilie nordöstlich von Klagenfurt, im Siedlungsgebiet der slowenischen Minderheit. Schon in ihrer frühen Kindheit erlebte K. St.-Sch. die Folgen der deutschen Assimilierungspolitik. Während des Nazi-Regimes war die Familie der Verfolgung und Vertreibung ausgesetzt. Im April 1942 müssen die Eltern mit ihren vier kleinen Kindern ihren Bauernhof verlassen und wurden zuerst in das Sammellager Ebenthal bei Klagenfurt gebracht, danach bis zum Kriegsende nach Rechnitz und Eichstatt deportiert. Die Eltern wurden zur Zwangsarbeit eingesetzt: der Vater in der Rüstungsindustrie, die Mutter arbeitete als Haushilfe und später in der Schuhfabrik. Als sich eine Epidemie unter Lagerkindern ausbreitete, erkrankte ihre Schwester Veronika und wurde von einem Arzt ermordet.
In Schilderungen der Kriegserlebnisse (in „Erinnerungen: Lebensgeschichten von Opfern des Nationalsozialismus“, Bd.1) veranschaulicht K. St.-Sch. welche Verletzungen der Seele und welche Konsequenzen die Holocaustüberlebenden ihr Leben lang ertragen müssen: „Die Fassungslosigkeit vor dem, was ich als Kind dreieinhalb Jahre erleben musste […] lebt tagtäglich mit mir weiter.“
Nach dem Krieg besucht K. St.-Sch. das Gymnasium in Klagenfurt, studiert drei Jahre Medizin in Wien, wechselt jedoch zum Studium der Slawistik und der Byzantinistik im Nebenfach. 1973 promoviert sie mit einer Arbeit über die südslawische/slowenische Sprachwissenschaft. In der Zeit von 1973 bis1976 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in der Linguistischen Abteilung der Balkankommission, wo sie mit der Bearbeitung der umfassenden Briefsammlung des Slawisten und Professor princeps der Wiener Slawistik, Franz Miklosich, beauftragt wurde. Dabei verfasste sie Kommentare, die zum späteren Zeitpunkt zu einer umfangreichen kritischen Ausgabe des Briefwechsels von Miklosich führen sollte.
1976 wird K. St.-Sch. Mitarbeiterin am Prosopographischen Lexikon der Palaiologenzeit in der Kommission für Byzantistik der Akademie der Wissenschaften unter der Leitung des damaligen Präsidenten der Akademie Herbert Hungers.
1984 wechselt sie als Lektorin für slowenische Literatur zum Institut für Slawistik der Universität Wien. 1993 folgt die Habilitation und Erlangung der venia legendi für südslawische Philologie. Ihre Habilitationsschrift über die südslawische Korrespondenz von Franz Miklosich (Der Briefwechsel Franz Miklosich’s mit den Südslaven − Korespondenca Franca Miklošiča z Južnimi Slovani) wurde in Slowenien (Maribor, 1991) veröffentlicht. Diesbezüglich beklagte die Autorin ausdrücklich mangelnde Unterstützung österreichischer Institutionen am Projekt der Edition: „dass es nicht möglich war für die Edition des Briefwechsels von Franz Miklosich […] die notwendige Unterstützung von der dafür zuständigen Institutionen in Österreich zu erhalten […]“ (Briefwechsel: XIX), hebt jedoch hervor, dies ermögliche Würdigung des Slawisten und Sprachwissenschaftlers Miklosich für seine Verdienste in Slowenien: „[…], daß solcherart die slowenische Heimat ihrem großen Sohn ihren Dank abstatten konnte, den Dank dafür, daß er ihrer Sprache jene wissenschaftliche Grundlage geschaffen hat, die sie für ihre Entwicklung benötigte, um einer europäischen Nation zu dienen.“ (Briefwechsel: XIX).
Neben ihrer Übersetzer-Tätigkeit erforscht K. St.-Sch. zugleich literarische Kontakte im europäischen Kontext (z. B. Slowenien − Frankreich) und veröffentlicht komparatistische Studien und Beiträge über historisch bedingte literarische Beziehungen zwischen Slowenien und Österreich. Zu diesem Themenschwerpunkt gehört auch die philologische Studie über die Verbindung zwischen Sprache und Nationsbildung in Bezug auf die Bedeutung der Sprache für die slowenische Nation nach der politischen Wende und Unabhängigkeit Sloweniens.
In den neunziger Jahren (ab 1995) wendet sich K. St.-Sch. intensiv der slowenischen Kultur und Literatur aus der genderspezifischen Perspektive zu. Dies wirkte sich sowohl auf ihre Lehre als auch auf ihre Forschung und weitere wissenschaftliche Vorhaben aus. 2003 erscheint der Sammelband über Frauenbewegung und Emanzipation in Slowenien von 1901 bis 1945, in dem slowenische Autorinnen, Frauenrechtlerinnen und andere prominente Frauen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts behandelt werden, mit einem Beitrag von K. St.-Sch. über das literarische Schaffen der Sloweninnen zwischen 1901 und 1945. Im Fokus ihrer geschlechterspezifischen Literaturforschung geriet zur diese Zeit auch Berta Bojetu Boeta, slowenische Dichterin, Romanautorin und Schauspielerin (Maribor, 1945 − Ljubljana, 1997). Das Leben und Wirken der Autorin jüdischer Herkunft wird für K. St.-Sch. zum Anlass, sich noch einmal intensiv mit Leben und Schicksal vertriebener Menschen zu befassen. Diesmal sind es die slowenischen Juden, die seit dem 13. Jahrhundert slowenische urbane Kommunen, wie Maribor und Ptuj, bewohnten, den Vertreibungen des Zweiten Weltkriegs jedoch stark ausgesetzt waren (Berta Bojetu Boeta: prvi mednarodni simpozij; zbornik predavanja, 2005).
Zum umfangreichen Opus von K. St.-Sch. zählen literarische Schriften und publizistische Beiträge in deutschsprachigen sowie slowenischen Fachzeitschriften und der Presse.
2015: Goldenes Verdienstzeichen der Republik Österreich.

Werke

Die vollständige Bibliografie von Katja Sturm-Schnabl ist vorhanden in: Katja Sturm-Schnabl Bibliografie / Bibliografija, Hg.: Klub slowenischer StudentInnen in Wien (Klub slovenskih študentk in študentov na Dunaju) mit dem Vorwort von Andrej Leben, Wien, 2006.
Erinnerungen : Lebensgeschichten von Opfern des Nationalsozialismus, Bd.1, Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus, Hg.: Meissner, R. S., Wien, 2012.
Hg.: Berta Bojetu Boeta: prvi mednarodni simpozij; zbornik predavanja, Mohorjeva založba, Celovec, 2005.
Prve slovenske pesnice in pisateljice. In: Budna Kodrič, Nataša/ Serše, A. (Hg.): Splošno žensko društvo: 1901-1945, Ljubljana, 2003.
Marija Kmet. In: Budna Kodrič, N. / Serše, A. (Hg.): Splošno žensko društvo: 1901-1945, Ljubljana, 2003.
Zur philologischen Phase der slowenischen Nationsbildung. In: Brandtner, A. / Michler, W. (Hg.): Zur Geschichte der österreichisch-slowenischen Literaturbeziehungen, Wien, 1998.
Der Briefwechsel Franz Miklosich’s mit den Südslaven – Korespondenca Franca Miklošiča z Južnimi Slovani, Maribor, Obzorja, 1991.

Literatur / Quellen

BiografieautorIn:

Vesela Tutavac

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