Schnell, Anneliese

* 19.12.1941, Wien † 14.7.2015
Astronomin

A. Sch. ist die Tochter von Dr. Hermann Schnell, Lehrer, und Anna Schnell, Hausfrau.
Sie besuchte die Schule in Wien und maturierte 1959 mit Auszeichnung.
Ab dem Wintersemester 1959/1960 studierte sie zunächst Mathematik und Physik (für Lehramt), ab 1961 zusätzlich Astronomie, für die Lehramtsprüfung in Physik war wie heute die Einführungsvorlesung Astronomie verpflichtend, aus Interesse hat sie dann weitere Lehrveranstaltungen besucht und die Dissertation mit der Absicht geschrieben, sie als Hausarbeit für die Lehramtsprüfung Physik zu verwenden. Der damalige Professor für Astronomie, Josef Hopmann emeritierte 1962, der aus Bonn berufene Joseph Meurers veränderte die Astronomie in Wien grundlegend und erreichte sowohl den Bau einer modernen Außenstation der Wiener Sternwarte mit einem 1,5 m Teleskop als auch im Lauf der Zeit eine Vergrößerung der Zahl der Stellen an der Sternwarte. A. Sch. bekam allerdings eine 1966 durch Pensionierung frei werdende c- Stelle, die später in eine VB I/a- Stelle umgewandelt wurde, und wurde viel für Verwaltungsarbeiten eingesetzt. Schon während des Studiums wurde sie von einem Kollegen, Herrn Dr. Widorn, besonders gefördert; mit ihm beobachtete A. Sch. mit einem in Wien aufgestellten 40 cm Teleskop und einem einfachen, an der Sternwarte gebauten Photometer Lichtkurven von Veränderlichen Sternen, die bereits 1964 publiziert wurden. 1966 nahm A. Sch. an einer von Prof. H. Haupt nach Griechenland geführten Expedition zur Beobachtung einer totalen Sonnenfinsternis teil. Die Promotion zum Dr.phil. erfolgte 1967.
Eine Art Postdoc-Aufenthalt verbrachte A. Sch. 1967/68 am Karl-Schwarzschild- Observatorium in Tautenburg bei Jena, der heutigen Thüringischen Landessternwarte. Dort befand sich das Teleskop mit dem größten Spiegeldurchmesser (2 Meter) in Mitteleuropa, und A. Sch. sollte als Vorbereitung für das 1,5 m Teleskop im Wiener Wald vor allem Routinebeobachtungen mit einem Fernrohr lernen. Sie wurde quasi als Nachtassistentin eingesetzt und unterstützte die Astronomen bei der Arbeit. Das bedeutete real, dass sie die Unterlagen für die in einer Nacht durchzuführenden Arbeiten bekam – die Sternwarte war damals ein Serviceunternehmen für die Astronomen der DDR und auch Russlands – und selbstständig durchführte. Die Arbeit am Teleskop hatte ihr schon in Wien viel bedeutet und zählte durch all die Jahre zu ihren bevorzugten Tätigkeiten. Zusätzlich beteiligte sie sich am dortigen Institutsprogramm, der Auffindung und Photometrie von „kompakten Galaxien“.
Nach der Rückkehr nach Wien betreute A. Sch. die Institutsbibliothek, die schon an der „alten“ Wiener Sternwarte, teils aus dem Privatbestand der ersten Wiener Astronomen, existierte. Ohne eine adäquate Ausbildung bemühte sie sich, den Bestand aktuell zu halten – die Bibliothek an der Wiener Sternwarte ist auch heute noch die umfangreichste astronomische Bibliothek in Österreich − und dabei mit dem zur Verfügung stehenden Budget auszukommen. Ein eigenes Bibliotheksbudget gab es erst viel später, heute ist die Fachbereichsbibliothek Astronomie ein Teil der Universitätsbibliothek und wird von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Universitäts-Bibliothek fachkundig (in bibliothekarischem Sinn) betreut.
1969 organisierte A. Sch. die Eröffnung des L. Figl- Observatoriums auf dem Schöpfl, die mit einem wissenschaftlichen Symposium verbunden war, an dem Direktoren und Mitarbeiter aller mitteleuropäischen Sternwarten teilnahmen und Vorträge hielten, für deren Veröffentlichung in den Annalen der Wiener Sternwarte sie ebenfalls verantwortlich war.
Weitere längere Auslandsaufenthalte verbrachte A. Sch. am Observatorium Hoher List der Universität Bonn, am Astronomischen Institut der Universität Basel, wo sie sich an einem Programm zur Entfernungsbestimmung von offenen Sternhaufen in unserem Milchstraßensystem beteiligte, und am Konkoly Observatorium der Ungarischen Akademie der Wissenschaften in Budapest.
1972 fand in Wien die Wissenschaftliche Jahrestagung der Astronomischen Gesellschaft statt, die A. Sch. ebenfalls organisierte. Die Astronomische Gesellschaft wurde 1863 als internationale Astronomenvereinigung gegründet, vertrat nach der Gründung der Internationalen Astronomischen Union 1919 vor allem die deutschsprachigen Astronomen und hatte bis 1908 mehrmals in Wien getagt. Die Wiener Tagung war die erste, die nach dem 2. Weltkrieg nicht in Deutschland stattfand. An der Tagung nahmen über 400 Kolleginnen und Kollegen teil.
Die Astronomische Gesellschaft veröffentlicht auch Tätigkeitsberichte der Astronomischen Institute im deutschen Sprachraum. Seit 1964 publiziert das Wiener Institut alljährlich einen Jahresbericht. Diese Berichte wurden bis inklusive 2005 von A. Sch. für die Wiener Sternwarte zusammengestellt.
1974 wurde sie als erste Frau in den Vorstand der seit 1863 bestehenden Astronomischen Gesellschaft gewählt und 1977 für eine zweite Amtsperiode bestätigt.
Besonders wichtig erschien A. Sch. in den ersten Dienstjahren eine deutlich stärkere internationale Anbindung an die astronomische Forschung, so bemühte sie sich unter Ausnutzung aller möglichen Finanzierungsquellen (Universitätsprofessorenaustauch, Gastvorträge, wissenschaftlich-technische Abkommen mit anderen Ländern, Gastprofessuren, Fulbright-Programm) von den Wiener AstronomInnen und Astronomen vorgeschlagene Kolleginnen und Kollegen nach Wien zu holen.
Bei all ihren Auslandsaufenthalten versuchte sie, möglichst viel über das Lehrangebot und die Ausbildung der Studierenden in anderen Instituten zu erfahren. Bei der Neuorganisation des Astronomischen Anfängerpraktikums stellte sie ein Übungsbeispiel zusammen, das in Teilen an anderen Sternwarten verwendet wurde und ihrer Meinung nach die grundlegendsten Kenntnisse zur Vorbereitung auf astronomisches Beobachten vermittelte. Viele Studenten wurden von A. Sch. im tatsächlichen Gebrauch des Fernrohres unterwiesen.
A. Sch.s Arbeitsgebiet war beobachtende stellare Astronomie: Veränderliche Sterne, Zentralsterne von Planetarischen Nebeln und Chemisch pekuliare Sterne. Sie arbeitete vor allem am L. Figl- Observatorium im Wiener Wald, besonders seit 1980, wo ein am Institut in Wien gebautes zweites Teleskop mit 60 cm Öffnung mit einem lichtelektrischen Photometer aufgestellt wurde. Im Rahmen eines Institutsprogramms zur Photometrie von engen Doppelsternen (Leitung Prof. Rakos) beobachtete sie 1975 am Mauna Kea Observatorium auf Hawaii. Später arbeitete sie auch an der Europäischen Südsternwarte in Chile. Dadurch lernte sie persönlich den Unterschied zwischen den klimatischen Bedingungen an hervorragenden Beobachtungsorten und dem mitteleuropäischen Klima kennen. Dies war sicher der Hauptgrund dafür, dass sie sich bereits 1984 für einen Beitritt Österreichs bei ESO, der europäischen Südsternwarte, einsetzte, der Beitritt ist 2009 endlich (viel zu spät) erfolgt.
1984 beteiligte sie sich an der ”Internationalen Halley Watch“ für die vorausberechnete Erscheinung dieses seit Jahrhunderten bekannten Kometen. 1985 war der Start einer mit Instrumenten ausgestatteten Raumsonde geplant, die auf dem Kometen landen sollte. Für eine exakte Landung war eine genaue Bahnbestimmung des Kometen erforderlich. Astronominnen und Astronomen auf der ganzen Welt lieferten dafür genaue Positionen des Kometen, in Mitteleuropa gab es nicht viele Institute, die von ihrer instrumentellen Ausstattung her mitarbeiten konnten. Nach dem Entwickeln und Trocknen der Photoplatten auf dem Schöpfl mussten sie in Wien vermessen und die Position des Kometen berechnet werden. Die Arbeit musste zeitlich so fertiggestellt sein, dass am Physikalischen Institut noch jemand anwesend war, der ihr Zugang zum Fernschreiber verschaffte, denn die Daten mussten unverzüglich zu den Bahnberechnern nach Amerika gesendet werden, Email war damals noch kein verbreitetes Kommunikationsmittel.
Ein wesentliches Anliegen war A. Sch. die Öffentlichkeitsarbeit des Instituts. Sie hielt Führungen bei den Tagen der offenen Tür am L. Figl-Observatorium aber auch Vorträge in Volksbildungseinrichtungen hauptsächlich für Amateurastronomen (Urania-Sternwarte, Planetarium der Stadt Wien, Planetarium Klagenfurt, Linzer Astronomische Gemeinschaft). Dabei ging es ihr vor allem um die Vermittlung von für Amateure wichtigen Kenntnissen. Viele an die Sternwarte gerichtete Anfragen wurden von ihr beantwortet. Sie war von 1997 bis 2008 Mitglied im Herausgebergremium der Zeitschrift „Sterne und Weltraum“, von 1993 bis 1996 war sie es bei „Die Sterne“.
Ab etwa 1982 arbeitete sie auch in der Mittelbaukurie der Fakultät für Naturwissenschaften und Mathematik mit. Das damals geltende Universitätsgesetz sah eine drittelparitätisch geregelte Mitbestimmung aller Universitätsbediensteten (die damals noch Staatsangestellte waren) und Studierenden vor. Vom Fakultätskollegium wurde sie 1995 in den Arbeitskreis für Gleichbehandlungsfragen entsandt. In den naturwissenschaftlichen Fächern gab es damals kaum Bewerbungen von Frauen. A. Sch. fand eine Einrichtung „CEWS – Frauen in Wissenschaft und Forschung“ der Universität Dortmund, heute Bonn, die über eine Datenbank habilitierter Frauen verfügte. Da zu dieser Zeit das Gesetz eine 2. Ausschreibung verlangte, wenn sich keine Frau für eine Professur beworben hat, bat sie die Kommissionsvorsitzenden, den von ihr gefundenen Frauen den Ausschreibungstext zuzusenden in der Hoffnung, dass sie sich auch bewerben. Bei qualifizierten Bewerberinnen bestand sie nach dem Frauenförderungsplan immer auf Einladung zu einem Vortrag. Im Arbeitskreis für Gleichbehandlungsfragen wurde sie im November 2001 zur Vorsitzenden gewählt. Zu ihren ersten Aufgaben zählte die Einreichung eines Frauenförderungsplanes nach UOG 1993 beim Senat der Universität Wien.
Auch im neuen Arbeitskreis nach UG 2002 wurde sie 2004 zur Vorsitzenden gewählt, dieses Amt übte sie bis zu ihrer Pensionierung am 31.12.2006 aus. Mit diesem Gesetz erlangten die Universitäten die Teilrechtsfähigkeit, für junge Wissenschaftler gibt es nur noch befristete Dienstverhältnisse. Ein neuer Frauenförderungsplan wurde eingereicht und die Arbeit des Arbeitskreises teilweise neu organisiert. Da der Arbeitskreis jeden Ausschreibungstext und jede Stellenbesetzung zur Kenntnis nehmen muss, bemühte sie sich, (der Weg von der Sternwarte zu den einzelnen Dekanaten und zum Hauptgebäude der Universität ist weit und erfordert viel Zeit) um die Umstellung auf Email. Außerdem bekam die Gleichbehandlung ein Büro und eine Sekretärin, auch darum musste sie sich kümmern. Für den neu eingeführten Welcome Day für neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Universität Wien erstellte sie Präsentationsvorlagen, die im Sommer 2006 erneuert wurden.
Die Beobachtungstätigkeit musste sie zunächst einschränken und dann zu ihrem Bedauern aufgeben, da die Nachtdienste am Fernrohr ihre täglichen Verpflichtungen zu stark beeinträchtigten. In vermehrtem Ausmaß beschäftigte sie sich mit Geschichte der Astronomie. Für ein Buch über die Namen von Kleinplaneten suchte sie nach Begründungen für die Benennung der von Johann Palisa in Pola und Wien entdeckten Objekte. Der Autor des ”Dictionary of Minor Planet Names“, Herr Dr. Schmadel vom Astronomischen Recheninstitut in Heidelberg, bedankte sich für die Arbeit mit der Benennung eines Kleinen Planeten, der am 17. Februar 1950 von Karl Reinmuth in Heidelberg entdeckt wurde, nach A. Sch. Da die strengen Regeln der Internationalen Astronomischen Union (Wortlänge, keine Verwechslungsgefahr mit bereits bestehenden Objektnamen) eingehalten werden mussten, bekam der Himmelskörper den Namen „Annschnell“.
Für eine bibliographische Enzyklopädie von Astronomen schrieb sie einige Beiträge über Wiener Astronomen des 19. Jahrhunderts, für die 2. Auflage steuerte sie einige Beiträge über deutsche Kollegen bei.
Außerdem beschäftigte sie sich mit der Tätigkeit der ersten Frauen nicht nur in Wien in der Astronomie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zu diesem Thema hielt sie sowohl einen Festvortrag zu Frau Oetkens 70. Geburtstag 1999 in Potsdam als auch den eingeladenen Abendvortrag bei einer Tagung über chemisch pekuliare Sterne in Wien.
Anlässlich ihrer Pensionierung wurde A. Sch. mit dem Goldenen Ehrenzeichen der Universität Wien ausgezeichnet. 2007 wurde sie zur Vorsitzenden des Arbeitskreises für Astronomiegeschichte der Astronomischen Gesellschaft gewählt zu dessen Gründungsmitgliedern sie zählt. Mehrfach organisierte sie auch Tagungen des Arbeitskreises.
A. Sch.s Interesse galt vor allem der Geschichte der Wiener Sternwarte seit ihrem Neubau auf der Türkenschanze in Wien (etwa seit 1875). Veröffentlicht ist eine Arbeit über Albert von Rothschild als Mäzen der Wiener Astronomie und über Wilhelm Ebert, der sich in Wien habilitierte und auch in Wien starb, dessen Namen im Universitätsarchiv auffindbar war, der aber am Institut völlig unbekannt war. Anlässlich des hundertjährigen Bestehens der Hamburger Sternwarte verfasste sie einen Beitrag über Kasimir Graff, der aus Hamburg nach Wien berufen wurde und von 1928 bis 1938 sowie von 1945 bis 1948 Direktor der Wiener Sternwarte war. Zuletzt arbeitete A. Sch. über einen frühen in Wien hergestellten photographischen Sternatlas und untersucht, wie lange es dauerte, bis sich die heute wichtige Forschungsrichtung der Astrophysik in Österreich durchsetzte.
2007 Verleihung des Goldenen Ehrenzeichens der Universität Wien.

Werke

A.Sch.s Schriftenverzeichnis umfasst 52 Titel.
Untersuchungen über Zufallsphänomene in Geschwindigkeitsfeldern. In: Annalen der Universitätssternwarte Wien, Bd. 28, 1, Wien, 1968.
Albert von Rothschild als Mäzen der Universitäts-Sternwarte Wien. In: Wolfschmidt, G. (Hg.): Astronomisches Mäzenatentum, Nuncius Hamburgensis- Beiträge zur Geschichte der Naturwissenschaften, Bd. 11, Books on Demand, Norderstedt, 2008.

Literatur / Quellen

Biografische Hinweise von Anneliese Schnell.
Text zur Verfügung gestellt von Anneliese Schnell.
Weiss, W. W.: Im memoriam Anneliese Schnell (1941-2015). Medienportal der Universität Wien v. 4.8.2015: https://medienportal.univie.ac.at/uniview/uni-intern/…/in-memoriam…

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