Kretschmer, Ingrid

* 22.2.1939, Linz, OÖ, † 20.1.2011, Linz, OÖ
Kartographin

Geboren am 22. Februar 1939 in Linz/Donau; Studium der Geographie, Kartographie und europäischen Ethnologie an der Universität Wien. 1964 Promotion an der Universität Wien zur Dr.phil. (Die thematische Karte als wissenschaftliche Aussageform der Volkskunde); 1974 Habilitation bei Erik Arnberger für das Fach „Geographie mit besonderer Berücksichtigung der Kartographie“.
Ab 1966 Mitglied des Instituts für Geographie der Universität Wien, 1966-1974 als Assistentin, 1975 bis 1987 als Universitätsdozentin, 1988 als Anerkennung ihrer wissenschaftlichen Leistungen, Verleihung des Berufstitels einer außerordentlichen Universitätsprofessorin, 2002 umbenannt in Universitätsprofessorin.
1978–1986 Leitung der Abteilung „Geschichte der Kartographie“ des Instituts für Kartographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. 1966-1981 Kartographische Leitung des Werkes „Österreichischer Volkskundeatlas“, hrsg. unter dem Protektorat der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Wien, Böhlau Verlag. 6 Lieferungen. 1980-1985 Leitung des Projektes „Lexikon zur Geschichte der Kartographie“. Forschungsprojekt des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung in Österreich. Kooperation mit 150 Wissenschaftlern in 27 Ländern. 1988-1994 Leitung des Projektes „Atlantes Austriaci“. Forschungsprojekt des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung in Österreich.

I. K. widmete mit Leidenschaft ihr gesamtes Leben der akademischen Forschung und Lehre. Unter Erik Arnberger begann sie 1966 als erste und – bis zur Anstellung Fritz Kelnhofers (1971) − einzige Hochschulassistentin der Kartographie ihre wissenschaftliche Laufbahn. Diese Phase war − aufgrund des Aufbaus des neuen Studienzweiges Kartographie − gekennzeichnet von arbeitsintensiven Aufgaben in Forschung, Lehre und Verwaltung. Das dadurch entwickelte Organisationstalent verhalf ihr in den Vakanzen zwischen der Emeritierung Erik Arnbergers (1983) und der Berufung Ferdinand Mayers (1985), sowie zwischen dem Ableben Ferdinand Mayers (1995) und der Berufung von Wolfgang Kainz (2002) den Arbeitsbereich Kartographie am Institut für Geographie und Regionalforschung der Universität Wien auszufüllen und den vollen Lehr- und Forschungsbetrieb aufrecht zu erhalten.
K.s Forschungsschwerpunkte lagen in der Theoretischen Kartographie, Thematischen Kartographie, Atlaskartographie und Geschichte der Kartographie. Trotz hoher Belastung in der akademischen Lehre und Administration erlangte I. K. hohe Reputation in der internationalen wissenschaftlichen Gemeinschaft. Das wissenschaftliche Werk I. K.s umfasst nicht nur 282 Publikationen zu Grundsatzfragen und zur Geschichte der Kartographie sondern beinhaltet auch die Mitarbeit bei der Herausgabe von Atlanten und Kartenwerken bei denen sie die theoretischen, methodischen und praktischen Grundlagen ausarbeitete. Ihre Publikationen sind gekennzeichnet von vielfältigen Verbindungen zu anderen Wissenschaftsdisziplinen. Zu Beginn ihrer Tätigkeit insbesondere zur Volkskunde und Ethnographie, danach verstärkt zur Geographie, den Umweltwissenschaften, der Mathematik, der Geodäsie und letztendlich mit einer beispiellosen Tiefe zur Geschichte.

Von den zahlreichen Publikationen dürfen folgende als ihre Bedeutendsten hervorgehoben werden: das mit Erik Arnberger herausgegebene Werk „Wesen und Aufgaben der Kartographie – Topographische Karten“ (1975) in der Enzyklopädie „Die Kartographie und ihre Randgebiete“, die Arbeit am „Österreichischen Volkskundeatlas“ (1966-1981) hg. unter dem Protektorat der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, das mit Johannes Dörflinger und Franz Wawrik bearbeitete „Lexikon zur Geschichte der Kartographie“ (1986) und die „Atlantes Austriaci. Österreichische Atlanten 1561–1994“, die sie gemeinsam mit Johannes Dörflinger und Helga Hühnel im Jahr 1995 herausgab.
Von 1977 bis 1997 hatte sie die Schriftleitung des „Geographische(n) Jahresbericht(s) aus Österreich“ inne und war von 1996 bis 2004 Mitherausgeberin der von Ferdinand Mayer gegründeten „Wiener Schriften zur Geographie und Kartographie“. Sie war Mitglied des Editorial Board und korrespondierendes Mitglied der Redaktion der Kartographischen Nachrichten. Auch ihre über 25-jährige Mitarbeit an der „Bibliographia Cartographica – Internationale Dokumentation des kartographischen Schrifttums“ zeigt Ihre Verflechtung und Repräsentation österreichischer Belange im internationalen Kontext auf.
Ein wesentliches Anliegen war es I. K. durch die Organisation und Mitwirkung bei zahlreichen nationalen und internationalen Ausstellungen die Kartographie und Karten einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen und näher zu bringen.

Neben der akademischen Forschung und Lehre widmete sich I. K. von Beginn ihrer akademischen Laufbahn bis zu ihrem Tod nahezu aufopfernd und hingebungsvoll der Österreichischen Geographischen Gesellschaft (ÖGG) sowie der Österreichischen Kartographischen Kommission (ÖKK). Sie war seit 1974 Vorstandsmitglied der Österreichischen Geographischen Gesellschaft, 1994-1997 Vizepräsidentin, 1997-2004 Präsidentin und ab 2006 Ehrenpräsidentin aufgrund ihrer außerordentlichen Leistungen für die Gesellschaft, zwischen 1995 und 2007 außerdem Vorsitzende der Österreichischen Kartographischen Kommission.
Von 1980 an war sie Vorstandsmitglied der Internationalen Coronelli-Gesellschaft für Globen- und Instrumentenkunde mit Sitz in Wien, ab 1993 im Board of Directors of Imago Mundi (London) und 1995 wurde sie Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Kartographie, welche ihr im Jahr 2004 im Rahmen des „52. Deutschen Kartographentages“ in Stuttgart die höchste Auszeichnung in Form der „Mercator-Medaille“ verlieh. Auszug des Wortlauts der Urkunde:
„Die Deutsche Gesellschaft für Kartographie verleiht ihre höchste Auszeichnung einer Wissenschaftlerin von internationalem Ruf in Anerkennung ihrer hervorragenden Leistungen für die Kartographie. Ingrid Kretschmer ist es gelungen, durch ihren unermüdlichen Einsatz in kartographischer Forschung und Lehre, durch Fachcolloquien und große Kartenausstellungen Wien zu einem Brennpunkt der internationalen Kartographie zu machen.“

I. K. verstarb am 22.1.2011 in Linz. Zur Würdigung ihres beindruckenden Lebenswerkes wurde mit Beschluss vom 3. Mai 2013 durch den Wiener Gemeinderatsausschuss für Kultur und Wissenschaft, ein Weg in Floridsdorf „Kretschmerweg“ benannt.

Werke

Gesamt 282 Schriften

Die thematische Karte als wissenschaftliche Aussageform der Volkskunde (= Forschungen z. deutschen Landeskunde, 153). Bad Godesberg, Bundesanst. f. Landeskunde u. Raumordnung, 1965, 95 S.
Gem. mit Arnberger, E.: Wesen und Aufgaben der Kartographie, Topographische Karten (= Enzyklopädie „Die Kartographie und ihre Randgebiete“, 1). Franz Deuticke, Wien, 1975.
300 Jahre Greenwich-Observatorium, Nullmeridian der Welt. In: Kartogr. Nachr., 25, 6, 1975, S. 224-231, 2 Abb.
Ethnologische Atlanten in Europa, ihre Entwicklung und ihr Beitrag an die thematische Kartographie. In: Int. Jahrb. f. Kartogr., XV, Kirschbaum, Bonn-Bad Godesberg, 1975, S. 55-90, 10 SW-Taf., 3 mehrfarb. Kartenblätter in Anlage.
Die Bedeutung der Karten für die Forschung. In: Diskussionsbeiträge zu einem neuen Atlas von Salzburg. Egon Lendl zum 70. Geburtstag (= Schriftenreihe d. Salzburger Inst. f. Raumforschung, 5), 1976, S. 63-71.
Was kann die Kartographie für die Umweltplanung leisten? In: Kartogr. Nachr., 27, 1977, S. 10-17, 6 Schemata.
Theoretische Kartographie – Einführung in das Rahmenthema. In: Beiträge zur Theoretischen Kartographie (= Festschrift f. Erik Arnberger), Franz Deuticke, Wien, 1977, S. 1-14.
Die Generalisierung thematischer Kartenaussagen – ein Hauptproblem des wissenschaftlichen Kartenentwurfs. In: Thematische Kartographie – Graphik, Konzeption, Technik. Kartographische Dreiländertagung 1978 (= Kartogr. Schriftenreihe, 3), Schweizer. Ges. f. Kartogr., Bern, S. 47-61.
Zum Entwurf qualitativer Karten in mittleren Maßstäben. In: Int. Jahrb. f. Kartogr., XVIII, S. 127-142, 1 mehrfarb. Kartenbeil., 2 Grundrißtaf. Kirschbaum, Bonn-Bad Godesberg, 1978.
Das ländliche Siedlungsbild Österreichs – kartographisch neu dokumentiert. In: Mitt. d. Österr. Geogr. Ges., 120, 1978, S. 243-264, 1 mehrfarb. Kartenbeil., 2 Falttaf.
Österreichischer Volkskundeatlas. 1979, Wien, Böhlau. 25 Ktn. auf 13 Blättern, 1 mehrfarb. Bildtaf.
Der Einfluß Carl Ritters auf die Atlaskartographie des 19. Jahrhunderts. In: Carl Ritter – Geltung und Deutung, 10 Abb. Dietrich Reimer, Berlin, 1981, S. 165-189.
Zum Maßstabsbegriff in Schulatlanten. In: Mitt. d. Österr. Geogr. Ges., 124, 1982, S. 203-221, 5 Abb.
Gem. mit Dörflinger, J. / Wawrik F.: Lexikon zur Geschichte der Kartographie (= Enzyklopädie „Die Kartographie und ihre Randgebiete“ C/1 u. C/2). 2 Bde., 1040 S., 172 SW-Abb., 16 Farbtaf., Franz Deuticke, Wien, 1986.
Kartographiegeschichte als wissenschaftliche Teildisziplin. In: Kretschmer, I. /Scharfe W. / Wawrik F. (Hg.): Kartographiehistorisches Colloquium., Dietrich Reimer, Berlin, 1987, S. 1-10.
Die Entwicklung der Methodenlehre der thematischen Kartographie bis in die 1960er Jahre (= Ber. u. Inform., 12). Inst. f. Kartogr. d. Österr. Akad. d. Wiss, Wien, 1989, 54 S., 17 Abb.
The Mapping of Austria in the Twentieth Century. In: Imago Mundi, 43, 1991, S. 9-20, 8 Abb.
Die Kartographie: Von der Grundlegung der Farbenplastik bis zur digitalen Technologie. In: Mitt. d. Österr. Ges. f. Geschichte d. Naturwiss., Sonderheft 2, 1992, S. 2-22.
Die Eigenschaften der „Mercatorprojektion“ und ihre heutige Anwendung. In: Hantsche, I. (Hg.): Mercator – ein Wegbereiter neuzeitlichen Denkens. (= Duisburger Mercator-Studien, 2), Brockmeyer, Bochum, 1993, S. 141-169, 6 Abb.
Gem. mit Dörflinger, J. (Hg.): Atlantes Austriaci. Österreichische Atlanten 1561-1994. 2 Bde., Böhlau, Wien, Köln, Weimar, 1995.
Globenforschung in Österreich. In: Riedl, A.: Virtuelle Globen in der Geovisualisierung (= Wiener Schriften z. Geogr. u. Kartogr., 13), 2000, S. 141-155.
Gem. mit Dörflinger, J. / Wawrik, F.: Österreichische Kartographie (= Wiener Schriften z. Geogr. u. Kartogr., 15). Inst. für Geogr. und Regionalforschung, 318 S., 47 Abb., 54 Farbtaf., 4 Tab., Wien, 2004.
Gem. mit Fasching, G. (Hg.): Österreich in der Welt, die Welt in Österreich. Chronik der Österreichischen Geographischen Gesellschaft. Österr. Geograph. Ges., Wien, 2006.

Literatur / Quellen

Kelnhofer, F.: Ingrid Kretschmer 60 Jahre. In: Mitt. d. Österr. Geogr. Ges., 1999, 141. S. 285-301, 1 Bild.
Brunner, K.: Ingrid Kretschmer 65 Jahre. In: KN, 2., 2004, S. 88-89, 1 Bild.
Kainz, W. / Kriz, K. / Riedl, A. (Hg.): Aspekte der Kartographie im Wandel der Zeit. Festschrift für Ingrid Kretschmer. Wien, Institut für Geographie und Regionalforschung der Universität Wien (= Wiener Schriften zur Geographie und Kartographie, Bd. 16). 2004, 344 Seiten, 80 Farb-, und 86 SW-Abb., 10 Tab. (mit Schriftenverzeichnis 1965 bis 2004).
Zögner, L.: Ingrid Kretschmer zur Vollendung des 70. Lebensjahres. In: Mitt. d. Österr. Geogr. Ges., 2009, 151. S. 363-366.
Schwarz, W. / Dörflinger, J.: Ingrid Kretschmer (1939-2011) – Ein Leben für die Wissenschaft. In: Mitt. d. Österr. Geogr. Ges., 2011, 153. Jg., S. 349-356.
Kainz, W.: Ingrid Kretschmer – Kartographin und Mensch. In: Kainz, W. / Kriz, K. / Riedl, A. (Hg.): 50 Jahre Österreichische Kartographische Kommission. Jubiläumsband zum Festsymposium, 10.-11. November 2011 – in memoriam Ingrid Kretschmer (= Wiener Schriften zur Geographie und Kartographie, 20), 2011, S. 9-11.

BiografieautorIn:

Andreas Riedl & Doris Riedl

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