Fang, Josephine

geb. Riss (auch Riss Fang); Bibliothekarin und Informationswissenschafterin
* 3.4.1922, Saalfelden/Salzburg, † 3.4.1922

LebenspartnerInnen, Kinder: Am 31.1.1951 Eheschließung mit dem chinesischen Physiker Dr. Pao-hsien Fang, genannt Paul (1922–2011), den sie in den U.S.A. kennenlernte, wohin sie aus Österreich nach dem Krieg durch ein Stipendium kam und wo er bei dem österreichischen Professor Karl Herzfeld studierte (er war später bei der NASA tätig und an der ersten Mondlandung beteiligt). Josephine Fang gebar zwischen 1952 und 1964 10 Kinder, 4 Töchter und 6 Söhne, unterbrach aber ihre Berufsausübung nur 7 Jahre. Zunächst gab es Probleme mit den Aufenthaltsbewilligungen der Beiden (Paul war als Flüchtling vor den Kommunisten als „ex-enemy alien“ eingestuft, wofür es Quoten gab, und Josephine Fangs Aufenthaltsbewilligung reichte nur für ein Jahr, aber mit dem Private Law 546 vom 19.7.1954 stand schließlich ihrem dauernden Aufenthalt in den U.S.A. nichts mehr im Wege.
Herkunft, Verwandtschaften: Väterlicherseits stammte die Familie aus Korneuburg/NÖ. Ihr Vater Dr. Hugo Maria Riss (1882–1943) war zunächst Richter in Saalfelden, wo noch heute ein Haus in Familienbesitz ist, dann in Zwettl, St. Pölten, Wien und schließlich Landesgerichtspräsident in Linz und als solcher Mitglied des Obersten Gerichtshofes, bis er nach dem „Anschluss“ 1938 zwangsweise pensioniert wurde und Berufsverbot erhielt. Er starb 1943 an einem Schlaganfall. Ihre Mutter, Josefine Maria, geb. Knettner (1895–1980, wurde in Brünn geboren; 1902 zogen ihre Eltern nach Wien. 1918 heirateten Hugo Riss und Josefine Knettner. 1920 wurde Hans Riss, Josephine Fangs älterer Bruder, geboren, der Chirurg wurde (gest. 2005). Die Geschwister erlebten eine sorgenfreie geborgene Kindheit und Jugend, doch ihr Leben änderte sich schlagartig mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Linz.
Ausbildungen: Sie besuchte das Realgymnasium in Wien und Linz; dort war sie das einzige Mädchen in der Klasse, „was nicht immer leicht war“, wie sie anmerkte. Es folgte das Studium der Anglistik, Geschichte und Philosophie an der Universität Wien und der Universität Graz, wo sie 1948 promovierte. Studium der Bibliothekswissenschaft an der Catholic University of America in Washington, D. C. (1954 Master of Science in Library Science); Studium an der Universität Grenoble (1961 Abschluss über französische Sprache und Kultur).
Freundschaften: Die Internationalität des Informationswesens war ihr ein Anliegen und fand auch Ausdruck in ihren zahlreichen Kontakten in der ganzen Welt, z. B. zu dem Verleger DDr.h.c. Klaus G. Saur (München), zu Dr. Hans Peter Geh, Direktor der Württembergischen Landesbibliothek und Präsident der IFLA (Internat. Fed. of Library Ass. and Institutions), zu Paul Nauta, Direktor einer Bibliotheksschule in Amsterdam und IFLA-Sekretär, oder zu Miriam Tees, Professorin für Bibliothekswissenschaft an der McGill University in Montreal; großen Wert legte sie auf die freundschaftliche Verbundenheit mit den FachkollegInnen in ihrer alten Heimat, etwa mit Dr. Magda Strebl, Generaldirektorin der Österr. Nationalbibliothek, mit den österr. BibliotheksdirektorInnen Dr. Franz Kroller und Dr. Sigrid Reinitzer sowie mit der Ministerialbeamtin Dr. Edith Stumpf-Fischer, aber auch mit den chinesischen Landsleuten ihres Mannes und natürlich ganz besonders mit führenden Fachleuten in ihrer neuen Heimat, den U.S.A., u. a. mit Dr. Elisabeth Stone, Expertin in bibliothekarischer Ausbildung und Präsidentin der American Library Association, mit Henriette Avram, EDV-Pionierin an der Library of Congress, und mit Dr. Robert Stueart, Dean der Graduate School of Library and Information Science of Simmons College.
Laufbahn: Nach Ableistungen von einigen Monaten Arbeitsdienst in Niederösterreich inskribierte sie an der Universität Wien und erhielt 1941–1943 eine Anstellung als Wissenschaftliche Hilfskraft am Englischen Seminar der Universität Wien. Sie nahm an katholischen Studentenrunden teil, die von dem Jesuiten Dr. Franz Mitzka geleitet wurden, doch 1943 erschienen dort Männer der Gestapo und kurz darauf wurde sie in das Gestapo-Hauptquartier vorgeladen und verhört; sie war bei ihren Ausgängen beobachtet und angezeigt worden – von einer Mitbewohnerin des Hauses, wie sich nach dem Krieg herausstellte. Nun wurde sie als politisch unverlässlich aus der Institutsanstellung entlassen, was sie finanziell schwer traf, zumal sie inzwischen Halbwaise geworden war; auch die ihr deshalb zustehende Studienermäßigung wurde ihr nicht gewährt. Weiters wurde sie nicht zur Lehramtsprüfung zugelassen. Schon damals äußerte sie ihr Interesse am Beruf einer wissenschaftlichen Bibliothekarin. Gegen Kriegsende zerstörte ein Bombentreffer ihr Haus, während sich die Familie darunter im Luftschutzkeller befand; sie mussten in Hietzing eine Unterkunft suchen; im Februar 1945 wurde ihre geliebte Großmutter bei einen Bombentreffer schwer verletzt und starb kurz darauf. Und schließlich erhielt Josephine Fang die Nachricht, dass ihr Jugendfreund und Verlobter, Dr. iur. Johannes Honigmann, der an die Front einrücken musste, als vermisst gemeldet sei (er blieb es für immer). Josephine Fang und ihre Mutter flohen nach Saalfelden, wo sie das Kriegsende erlebten; sie befanden sich also in der Amerikanischen Zone und Josephine Fang erhielt eine Anstellung als Dolmetscherin bei den Amerikanischen Besatzungsbehörden in Salzburg. Nach Abschluss ihres Studiums in Graz erhielt sie 1950 ein Stipendium vom Institute of International Education und der Catholic University of America – für sie nach all dem Erlebten der Aufbruch in eine Neue Welt in jeder Hinsicht. Sie arbeitete an deren Bibliothek bis 1954 in der Katalogisierung; 1961–1963 war sie Herausgeberin und Rezensentin beim „Guide to Catholic Literature“ der Catholic Library Association in Washington, D. C., 1963–66 Research Editor der „The New Catholic Encyclopedia“ und übte weitere verlegerische Tätigkeiten aus. 1968 übersiedelte sie nach Boston, Massachusetts, wo sie Leiterin der Erwerbungsabteilung der Boston College Library wurde. 1969 wurde sie Associate Professor an der Graduate School of Library and Information Science am Simmons College in Boston, womit ihre wissenschaftliche Laufbahn begann. 1976 wurde sie Full Professor und 1990 Professor Emerita. Fachliche Schwerpunkte bildeten International Librarianship einschließlich der Informationswissenschaftlichen Ausbildung und Preservation Management. In internationalen Fachorganisationen wie der IFLA (International Federation of Library Associations and Institutions) leistete sie als hochangesehenes Mitglied wichtige Beiträge.
Auszeichnungen, Mitgliedschaften, Kooperationen: Verschiedene Funktionen in der American Library Association, der Association of College and Research Libraries, der Association for Library and Information Science Education, der International Federation of Library Associations and Institutions (IFLA), Women´s National Book Association (WNBA) u. a. Sie erhielt u. a. The Fanny Simon Award der Special Libraries Association (1986), WNBA Book Women Award (1987), Boston Bookwoman Award (1994) und das Goldene Doktordiplom der Universität Graz (1998) sowie die Ehrenprofessur mehrerer chinesischer Universitäten; 2006 wurde vom Simmons College ein Josephine Riss Fang Endowed Scholarship eingerichtet und für 2007 wurden die ersten beiden Stipendiaten ausgewählt.

Literatur / Quellen

Literatur
A Biographical Directory of Librarians in the United States and Canada.
Who´s who of American Women.
The World Who´s who of Women.
International Who´s who of Women in Higher Education.
Who´s who in Library and Information Services.
Mitteilungen der Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare 41 (1988), S. 41–50.
Stumpf-Fischer, Edith: Wie überlebt man ιfinstere Zeiten’? 5 Bibliothekarinnen, 5 Antworten. In: Korotin, Ilse (Hg.): Österreichische Bibliothekarinnen auf der Flucht. Verfolgt, verdrängt, vergessen? Wien 2007, S. 32–38.

Quellen
Schriftliche Auskünfte von Josephine Fang.
Josephine Maria Riss Fang. 90th Birthday Celebration. 3. April 2012 (Homepage www.craw.us/fang. Zugriff 25.5.2013 sowie broschierter Ausdruck.)

Werke

Die Amerikakritik von Sinclair Lewis. Diss. Graz 1948
International Guide to Library and Information Science Education: A Reference Source for Educational Programs in the Information Fields World-wide. IFLA Publications 32, 1985 (2. rev. Aufl. New York 1995).
World Guide to Library, Archival and Information Science Associations. IFLA Publications 52/53. 1990.
Education and Training for Preservation and Conservation. IFLA Publications 61. 1991.
Sowie zahlreiche Artikel in Fachzeitschriften, z. B.:
Richtlinien für die Gleichwertigkeit und gegenseitige Anerkennung beruflicher Qualifikationen. In: Mitteilungen der Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare 42, H. 2, 1989.

Biografieautor:

Edith Stumpf-Fischer

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