Epstein, T. Scarlett

geb. Grünwald
* 13.7.1922, Wien, † 27.4.2014, Brighton, Großbritannien
Ökonomin und Sozialanthropologin

Bis zum „Anschluss“ Besuch des Gymnasiums in der Glasergasse im 9. Bezirk; Juli 1938 Flucht nach Jugoslawien, dann nach Albanien, April 1939 Ankunft in Großbritannien; nach Ende des Zweiten Weltkriegs Diplom für Industrieverwaltung am Manchester College of Technology; 1949 Studium der Wirtschafts- und Politikwissenschaften am Ruskin College in Oxford, 1950 Abschluss, anschließend Studium der Wirtschaftswissenschaften und Sozialanthropologie an der Universität Manchester; 1954-1956 Feldstudien in Südindien (weitere 1970 und 1996), 1958 Ph. D.; 1958 Übersiedlung nach Canberra, 1959-1961 und 1967-1968 Forschungstätigkeit in Papua-Neuguinea im Auftrag der Australian National University; 1961 Rückkehr nach Großbritannien, Dozentur am Royal College of Advanced Technology, Salford; 1972 Forschungsprofessur am Institute of Development Studies (IDS), später an der School of African and Asian Studies (AFRAS) der Universität Sussex; 1973 und in den Folgejahren Forschungen in Asien und Afrika; 1974 Forschungsstipendium am Center for Advanced Study in the Behavioral Sciences (CASBS) der Stanford University, Kalifornien; 1984 Pensionierung an der Universität Sussex.

T. S. E. wurde 1922 als Trude Grünwald, Tochter von Siegfried und Rosa Grünwald, in Wien-Brigittenau geboren. Später übersiedelte die Familie nach Döbling in den Karl-Marx-Hof. Bis zum „Anschluss“ besuchte sie das Gymnasium in der Glasergasse im 9. Bezirk. Im Juli 1938 flüchtete sie vor rassistischer Verfolgung zunächst nach Jugoslawien, anschließend nach Albanien, von wo sie im April 1939 nach Großbritannien gelangte. In London wie auch nach ihrer Übersiedlung nach Manchester war sie als Näherin in einer Fabrik beschäftigt, später als Lohnbuchhalterin. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erwarb T. G. am Manchester College of Technology ein Diplom für Industrieverwaltung. 1949 begann sie am Ruskin College in Oxford ein Studium der Wirtschafts- und Politikwissenschaften, das sie bereits 1950 abschloss. Anschließend studierte sie Wirtschaftswissenschaften und Sozialanthropologie an der Universität Manchester und unternahm mit einem Rockefeller-Stipendium eine zweijährige Feldstudie in Südindien (1954-56) als Basis für ihre Dissertation (1958 Ph. D.). Dieser ersten Mikrostudie, in der sie den Einfluss der Bewässerung auf die ökonomische und soziale Organisation zweier Dörfer untersuchte, folgten 1970 eine zweite und 1996 eine dritte, in der sie den sozioökonomischen Wandel der Dörfer im Beobachtungszeitraum von mehr als vierzig Jahren analysierte. Mittlerweile mit dem Sozialanthropologen Arnold Leonard (Bill) Epstein (1924-1999) verheiratet, übersiedelte sie 1958 nach Canberra, wo sie im Auftrag des Department of Economics, Research School of Pacific Studies der Australian National University zwei Studien (1959-61 und 1967-68) in Papua-Neuguinea durchführte. Dort untersuchte sie vor dem Hintergrund veränderter landwirtschaftlicher Produktions- und Distributionsformen in einem Dorf der Tolai die Wechselbeziehungen zwischen dem traditionellen Sozialgefüge und neuen ökonomischen Entwicklungen. Nach ihrer Rückkehr nach Großbritannien 1961 nahm T. S. E. eine Dozentur am Royal College of Advanced Technology, Salford an. 1972 erhielt sie eine Forschungsprofessur am Institute of Development Studies (IDS), später an der School of African and Asian Studies (AFRAS) der Universität Sussex. 1973 führte sie eine kulturvergleichende Studie zu Bevölkerungswachstum und ländlicher Armut in Asien und Afrika durch, eine weitere vierjährige Studie widmete sich der Untersuchung der Rolle am Land lebender Frauen in der ländlichen Entwicklung Asiens. 1974 übersiedelte sie im Rahmen eines einjährigen Forschungsstipendiums am Center for Advanced Study in the Behavioral Sciences (CASBS) der Stanford University nach Kalifornien. 1984 wurde sie an der Universität Sussex pensioniert. T. S. E. lehrte u. a. an Universitäten in Manchester, Irvine, Madang (Südindien) und Waigani (Papua-Neuguinea). Sie starb 2014 in Brighton.
T. S. E. gilt als Pionierin der angewandten Ökonomischen Anthropologie und Entwicklungsanthropologie, die einen praxisorientierten, interdisziplinären Ansatz verfolgt und auf die Notwendigkeit eines partizipatorischen, kultur- und gendersensitiven Zugangs im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit hinweist. Sie war Gründerin und Mitglied einer Reihe von Institutionen auf dem Gebiet der Entwicklungsforschung und als Konsulentin für Entwicklungsfragen tätig. Sie war Mitglied von Fachgesellschaften wie der Association of the British Anthropologists und der Indian Anthropological Association und wurde u. a. mit dem Order of the British Empire (OBE) ausgezeichnet.

Werke

Comparative Study of Economic Change and Differentiation in Two Indian Villages. Diss., Manchester, 1958.
Economic Development and Social Change in South India. Manchester, 1962.
Capitalism, Primitive and Modern. Some Aspects of Tolai Economic Growth. Canberra, 1968.
Gem. mit Penny, D. H. (Hg.): Opportunity and Response. Case Studies in Economic Development. London, 1972.
South India: Yesterday, Today and Tomorrow. London, 1973.
Gem. m. Darrell, J. (Hg.): The Paradox of Poverty. Socio-Economic Aspects of Population Growth. Delhi, 1975.
Gem. m. Watts, R. A. (Hg.): The Endless Day. Some Case Material on Asian Women. Oxford [u. a.], 1981. (Women in Development, 3)
Urban Food Marketing and Third World Rural Development. The Structure of Producer-Seller Markets. London [u. a.], 1982.
Gem. m. Panini, M. N. / Srinivas, M. N. / Parthasarathy, V. S.: Basic Needs Viewed from Above and from Below. The Case of Karnataka State, India. Development Centre of the Organisation for Economic Co-Operation and Development. Paris, 1983.
Women, Work and Family in Britain and Germany. A Project of the Anglo-German Foundation for the Study of Industrial Society. London [u. a.], 1986.
Female Petty Entrepreneurs and their Multiple Roles. In: Sheila Allen and Carole Truman (Hg.): Women in Business. Perspectives on Women Entrepreneurs. London, NewYork, 1993, S. 14-27.
Gem. m. Suryanarayana, A. P. / Thimmegowda, T.: Village Voices. Forty Years of Rural Transformation in South India. New Delhi, 1998.
(Hg.) A Manual for Culturally-Adapted Social Marketing. Health and Population. New Delhi [u. a.], 1999.
Swimming Upstream. A Jewish Refugee from Vienna. London, 2005 (Dt.: Es gibt einen Weg. Eine Jüdin aus Wien. Wien 2011);
sowie über 50 Fachbeiträge

Literatur / Quellen

[Kurzbiografie]. In: Epstein, T. S.: Es gibt einen Weg. Eine Jüdin aus Wien. Wien, 2011, S. 310f.
T. Scarlett Epstein. In: Kemper, R. V. / Peterson Royce, A. (Hg.): Chronicling Cultures. Long-Term Field Research in Anthropology. Walnut Creek, Calif. [u. a.] 2002, S. 350.
Scarlett Epstein, Director of PEGS (Practical Education and Gender Support) and SESAC (Scarlett Epstein Social Assessment Consultancy) (http://www.theasa.org/networks/apply/profiles/development.shtml – Association of Social Anthropologists of the UK and Commonwealth)

BiografieautorIn:

Christine Kanzler

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Name