Deutsch Agnes, geb. Reitermeyer, Ps. Anna Dreier; Verkäuferin, Lehrerin, Journalistin und Stalin-Opfer
Geb: 11.12.1906, Ottensheim (Bezirk Urfahr-Umgebung) OÖ.
Gest. 13.04.1976, Moskau, SU

 

Die aus Oberösterreich stammende Familie der 1906 in Ottensheim (Bezirk Urfahr-Umgebung) geborenen Agnes Reitermeyer übersiedelte 1907 nach St. Gallen (Schweiz), wo der Vater, ein Stein- und Holzbildhauer, an den Renovierungsarbeiten der St. Gallener Klosterkirche mitwirkte. Agnes Reitermeyer machte nach abgebrochenem Hochschulstudium eine kaufmännische Ausbildung und arbeitete 1922-1928 als Verkäuferin. Damals gehörte sie dem Freibund, einer religiös-sozialistischen Jugendbewegung, an und schrieb ihre ersten Artikel für linksorientierte Zeitschriften. Ab Sommer 1928 war sie als Stenotypistin in der Filiale einer Schweizer Firma in Paris beschäftigt. Sie engagierte sich in der deutschsprachigen Gruppe der französischen SP, lernte dort ihren späteren Ehemann, den Bauingenieur Gustav Deutsch kennen, und schrieb regelmäßig Artikel für die sozialistische Presse der Schweiz. Das Paar übersiedelte 1932 zurück nach Österreich, wo sich Agnes Deutsch als Frauenreferentin in der Wiener SDAP betätigte. Ende Februar 1934 verließen sie und Gustav Deutsch Österreich. Agnes Deutsch trat in Prag der KPÖ bei. Sie erhielt rasch ein Visum für die UdSSR und traf bald darauf in Moskau ein.

Vermutlich aufgrund eines Artikels in der in Moskau erschienenen Deutschen Zentral-Zeitung wurden Gustav und Agnes Deutsch am 24. April 1935 vom Staat Österreich ausgebürgert; sie nahmen am 26. Juni 1936 die sowjetische Staatsbürgerschaft an. Zuerst wohnte Agnes Deutsch mit ihrem Mann in Voronež, wo sie Artikel für die Komintern-Presse über das Leben in der UdSSR schrieb und Deutschunterricht erteilte. Ihr Buch Schutzbündler in der Sowjetunion erschien 1937 in Straßburg. Im April 1936 wurde Gustav Deutsch nach Elec (damals Voronežskaja obl.) versetzt und zum Leiter eines neuen Eisenbahnbauabschnitts ernannt.

Agnes Deutsch wurde am 21. Oktober 1937 verhaftet und verbrachte acht Monate in der Untersuchungshaft, davon 40 Tage in einer Einzelzelle. Sie wurde dann mit ihrem Mann konfrontiert, der sich in einem äußerst schlechten Zustand befand und sie anflehte, ein Geständnis zu unterschreiben, was sie eine Zeitlang verweigerte. Agnes Deutsch wurde am 8. Mai 1938 zu acht Jahren Lagerhaft verurteilt und in ein Lager an der Kolyma verschickt, wo sie auch nach ihrer Haftentlassung 1946 weitere sieben Jahre verbringen musste. In der Verbannung heiratete sie Alexander (Saša) Junemann (Gustav Deutsch war 1938 erschossen worden), einen wolgadeutschen Mithäftling. Die beiden zogen 1956 nach Moskau, wo Agnes die ansehnliche Entschädigung von mehr als 21000 Rubel und eine geräumige Wohnung erhielt. Sie integrierte sich voll in die sowjetische Gesellschaft, durfte einige Male nach Wien reisen und verfasste bis zu ihrem Tod Artikel unter dem Pseudonym Anna Drejer für die Zeitung der Schweizer KP.

Qu. u. L.: DÖW – Österreichische Stalin-Opfer (RGASPI, lists.memo.ru)
https://www.doew.at/erinnern/biographien/oesterreichische-stalin-opfer-bis-1945/stalin-opfer-d/deutsch-agnes

Leopold Spira, Agnes und Gustav Deutsch, in: Memorial. Österreichische Stalin-Opfer, Wien 1990, S. 63-67.