Wehrmann, Gertraud

geb. Hanika; Bibliothekarin
* 10.10.1938, Wien

Herkunft, Verwandtschaften: Jüngere Tochter von Hofrat Dipl.-Ing. Franz Hanika (1893–1979), Assistent an der Hochschule für Welthandel, später Leiter der Technischen Untersuchungsanstalt der Bundesfinanzverwaltung, und seiner Frau Amanda geb. Reiber (1899–1972). Schwester Ingrid (geb. 1936, verehel. Kettl).
LebenspartnerInnen, Kinder: 1965 schloss sie die Ehe mit dem Chemiker Dr. Felix Wehrmann (1935–2007), aus der zwei Kinder stammen: Harald (geb. 1975) und Ingrid (geb. 1976).
Freundschaften: Seit ihrer Tätigkeit an der Universitätsbibliothek Wien war sie mit den ebenfalls dort beschäftigten Bibliothekarinnen Dr. Edith Stumpf-Fischer (später für das wissenschaftliche Bibliothekswesen zuständige Ministerialbeamtin) und Dr. Ilse Dosoudil (später Direktorin der Universitätsbibliothek Wien) befreundet; aus den beruflichen Kontakten entstand auch die Freundschaft mit Dr. Magda Strebl, Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek, und deren Gatten, dem Bibliothekar und Ministerialbeamten Dr. Laurenz Strebl.
Ausbildungen: Kriegsbedingt besuchte sie die Volksschule in Senftenberg bei Krems a. d. D., absolvierte die Lehrerinnenbildungsanstalt Wien I., Hegelgasse und die Hochschule für Welthandel, wo sie 1964 den akademischen Grad Diplomkaufmann und 1969 durch Ergänzungsprüfungen den inzwischen eingeführten akademischen Grad Mag.rer.soc.oec. erwarb. Daneben besuchte sie 1959–1962 die Schauspielschule am Konservatorium für Musik und dramatische Kunst in Wien, entschied sich aber dann für den Beruf der Wissenschaftlichen Bibliothekarin. Das tiefe Interesse für das Theater ist ihr geblieben.
Laufbahn: 1963 erhielt sie eine Anstellung an der Universitätsbibliothek Wien und führte ab 1965 das Fachreferat für Rechts- und Wirtschaftswissenschaften. 1968 legte sie die Dienstprüfung für den höheren Bibliotheksdienst ab, wurde pragmatisiert und ließ sich 1970 an die Bibliothek „ihrer“ Hochschule für Welthandel versetzen. 1975–1979 unterbrach sie wegen ihrer Kinder die berufliche Tätigkeit und setzte diese 1979 an der Österreichischen Nationalbibliothek fort, und zwar von 1979 bis 1982 als halbbeschäftigte Vertragsbedienstete, während sie als Beamtin karenziert blieb (Beamtinnen konnten nicht halbbeschäftigt sein). Diese Konstruktion stellte ein besonderes Entgegenkommen des Dienstgebers dar, allerdings wurde ihr diese Zeit für die Pensionsbemessung nicht angerechnet – ein frauenspezifischer Nachteil. Danach arbeitete sie wieder ganztags. Die Schließungszeiten des Kindergartens und später die Schulferien stellten ein weiteres bekanntes Problem dar. Gertraud Wehrmann und ihr Mann konnten daher ihre Urlaube nicht gleichzeitig nehmen und mussten überdies Kinderbetreuerinnen finanzieren (die in vielen ähnlichen Fällen so hilfreichen Großeltern lebten nicht mehr). Gertraud Wehrmann leistete an der Österreichischen Nationalbibliothek bei der eben neu gestalteten bibliothekarischen Ausbildung Pionierarbeit und leitete 1982–1985 den dezentralen (1.) Teil des Ausbildungslehrganges an der Österreichischen Nationalbibliothek. 1985 bewarb sie sich erfolgreich um die Nachfolge des Bibliotheksdirektors der Wirtschaftsuniversität Wien: nach Prüfung aller Bewerbungen durch die zuständige Kommission des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung wurde sie vom Bundesminister für die Leitungsfunktion vorgesehen; die Wirtschaftsuniversität Wien veranstaltete dann (zum ersten und letzten Mal) auf Grund ihres Anhörungsrechtes ein umfangreiches Hearing mit allen BewerberInnen, aus dem Gertraud Wehrmann ebenfalls als Erstgereihte hervorging. Mit 1.8.1985 wurde sie vom Bundesminister für Wissenschaft und Forschung zur Bibliotheksdirektorin bestellt und war damit (sieht man von der sehr kurzen Leitungsfunktion Dr. Elisabeth Niedermayrs ab) nicht nur an dieser Universität, sondern österreichweit die erste Frau, welche die Bibliothek einer – noch dazu großen – Universität leitete.
Die Bibliothek erfuhr unter ihrer Leitung einen starken Modernisierungsschub (u. a. Umstellung auf EDV und Einführung moderner Technologie in allen Bereichen), Entwicklung und Aufbau der Forschungsdatenbank IDAS, einen forcierten Ausbau des Benützerservice und die Intensivierung internationaler Kontakte. Mit 1.7. 2000 trat sie in den Ruhestand.
Auszeichnungen, Mitgliedschaften: Großes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich (1996), Goldenes Ehrenzeichen der Wirtschaftsuniversität Wien und Dr.-Josef-Bick-Ehrenmedaille in Silber (1998); Mitglied des Ausschusses der Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare sowie der European Business Librarians Group.

Literatur / Quellen

Literatur
Dosoudil, Ilse: Hofrätin Mag. Gertraud Wehrmann im Ruhestand. In: Mitteilungen der Vereinigung österreichischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare. 53. Jg. H. ¾, 2000.
Schmeikal, Bettina: Gertraud Wehrmann geht in Pension. In: wu-memo 30/2000.
Stumpf-Fischer, Edith: Gertraud Wehrmann – 60 Jahre jung. In: Mitteilungen der Vereinigung österreichischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare 51. Nr. ¾, 1998. S. 53–57.
Stumpf-Fischer, Edith: Die Information ist weiblich: Gertraud Wehrmann, erste Bibliotheksdirektorin der Wirtschaftsuniversität Wien. In: Dosoudil, Ilse (Hg.): Information und Wirtschaft. Aspekte einer komplexen Beziehung. Gewidmet HR Mag. Gertraud Wehrmann. Wien, 2003. S. 201–207.
Stumpf-Fischer, Edith: Wehrmann, Gertraud, geb. Hanika; Bibliothekarin. In: Korotin, Ilse (Hg.): biografiA. Lexikon österreichischer Frauen. Bd. 2. Wien, Köln, Weimar 2016, S. 3477–3479.

Quellen
Mündliche Auskünfte von Gertraud Wehrmann, Jahresberichte der Universitätsbibliothek der Wirtschaftsuniversität Wien 1986–1999.

Werke

5 Jahre Grundausbildung, 5 Jahre Ausbildungsabteilung der Österr. Nationalbibliothek. In: Mitteilungen der VÖB 37, 1984, 1, S. 33–49.
Das WU-Bibliotheksinformationssystem. Ausgangslage, Ziele und Maßnahmen. In: Dosoudil, Ilse/Rauchbauer, Paul (Hg.): Information gestern, heute, morgen. Internationale Festschrift für Ferdinand Baumgartner zum 60. Geburtstag. Wien, 1991, S. 239–257.
Magda Strebl – Bauherrin am „Weltgebäude der Gedanken“. In: Stumpf-Fischer, Edith (Hg.): Der wohlinformierte Mensch. Eine Utopie. Festschrift für Magda Strebl, 1997.
Hg.: Die Universitätsbibliothek der Wirtschaftsuniversität Wien. Aufgaben, Dienstleistungen, Geschichte, 1998.
Ilse Dosoudil. Erste Frau an der Spitze der größten Universitätsbibliothek Österreichs. In: Klepp, Renate/Seißl, Marie (Hg.): Artibus atque modis. Festschrift zum 60. Geburtstag von Ilse Dosoudil, 2001.

BiografieautorIn:

Edith Stumpf-Fischer

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