Kanitz Luise, geb. Lebensaft; Widerstandskämpferin und Pianistin

Geb. Wien, 5.7.1908

Gest. Wien, 20.9.1976

Herkunft, Verwandtschaften: Eltern: Karl Lebensaft (Angestellter) und Margarete, geb. Schiedl; Schwester: Margarete Lebensaft, die mit einer Dissertation über „Die Wahl Ferdinands I. zum deutschen König“ 1937 in Wien zum Dr. phil. promovierte; Cousin: Heinrich Lebensaft, genannt „Saft“, mehrfacher Nationalteamspieler.

LebenspartnerInnen, Kinder: L. K. war ab 1930 mit Ernst Kanitz, dem Inhaber der Konzertdirektion „Elite“, Wien 9, Berggasse, verheiratet. Ernst Kanitz, der am 25.1.1896 in Wien als Sohn des Großhändlers Alfred Kanitz und der Regine Thalberg geboren wurde, flüchtete 1938 aus „rassischen“ Gründen − er selbst war 1915 aus der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde ausgetreten − nach Frankreich. Die Ehe wurde 1942 geschieden, Ernst Kanitz wurde am 7.9.1942 mit Transport 29 aus Frankreich nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Laufbahn: L. K., die in Wien die Volks- und Bürgerschule besucht und an einer Höheren Lehranstalt ein Musikstudium absolviert hatte, lebte als staatlich geprüfte Pianistin in Wien. Im Dezember 1939 kam sie mit der von Roman Karl Scholz geleiteten Österreichischen Freiheitsbewegung (ÖFB) in Berührung, wurde durch Gerhard Fischer-Ledenice in diese eingeführt und legte im Februar des darauffolgenden Jahres den Eid auf die Bewegung ab. Scholz übertrug ihr als „Frauenschaftführerin“ Aufbau und Leitung der Frauengruppe. Unter dem Decknamen „Mucki“ oder auch „Lou“ betreute sie eine Gruppe von ca. zehn Frauen und führte der Bewegung auch neue TeilnehmerInnen zu. Als Mitglied des Vollzugsausschusses nahm sie meist an den wöchentlichen Zusammenkünften der Führungsgruppe um Scholz, zu dessen engen Vertrauten sie gehörte, teil und war in die Planungen und Aktionen der Gruppe eingebunden, etwa in die Ausforschung eines Munitionsdepots der Wehrmacht im Halterbachtal, bei der sie einen Ohnmachtsanfall vortäuschte, um die Wachen abzulenken und ihren Kameraden unbewacht den Zutritt zu verschaffen.

Als die ÖFB durch den Burgschauspieler Otto Hartmann, selbst leitendes Mitglied der Bewegung, an die Geheime Staatspolizei verraten wurde, war K. unter den ersten Festgenommenen: Sie wurde am 23.7.1940 in Wien verhaftet und bis zum Dezember in der Rossauerlände festgehalten, dann ins Landesgericht I überstellt. Am 23.2.1944 wurden sie im Rahmen des gegen Scholz und andere in Wien abgehaltenen Volksgerichthofsprozesses wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu sechs Jahren Zuchthaus und sechs Jahren Verlust der Ehre verurteilt; vier ihrer Mitangeklagten, darunter Scholz, wurden hingerichtet. Sie verbüßte ihre Strafe im Frauenzuchthaus Jauer der Haftanstalt Krems. Erst das nahende Kriegsende beendete auch das Leiden der Gefangenen: L. K. wurde aus „kriegsbedingten Gründen“ am 19.2.1945 entlassen; durch die Haft war allerdings ihre Gesundheit stark beeinträchtigt, dass sie ihre Karriere als Pianistin beenden musste.

Nach dem Ende des Krieges trat L. K. noch als Zeugin in Kriegsverbrecherprozessen in Wien vor die Öffentlichkeit. So fungierte sie vor allem im November 1947 als Hauptbelastungszeugin im Volksgerichtsprozess gegen den Verräter und Agent provocateur Otto Hartmann, und hinterließ dabei einen so starken Eindruck, dass der Gerichtsreporter des „Neuen Österreich“ sie als die „wohl interessanteste Person des ganzen Prozesses“ bezeichnete, in deren „bitterernster Geschichte ihres traurigen Schicksals ein ganz klein wenig die Romantik des Kampfes an der Seite des von allen verehrten Chorherrn [R. Scholz] mitklingt“ (Neues Österreich, 7.11.1947).

Qu.: DÖW; IKG Wien; Datenbank Orpheus Trust, Wien; MA 61, Wien.

L.: Albu 2001, Brauneis 1974, Dokumentationsarchiv 1987a, Dokumentationsarchiv 1992b, Karl von Vogelsang-Institut 1989, Klusacek 1968, Schuh 1994, Tidl 1978, Das Kleine Volksblatt, 7.11.1947, Neues Österreich, 7.11.1947, ÖBL-Online

 

Elisabeth Lebensaft