Jeschaunig Renate

geb. Rosner; Bibliothekarin
* 2.6.1926, Wien, † 15.12.2012, Wien

Herkunft, Verwandtschaften: Vater: Dr. Rudolf Rosner (gest. 1957), Facharzt für Dermatologie, jüdischer Herkunft und jüdischen Glaubens; Mutter: Sieglinde (Lilla), geb. Stiasny (1889–1972), Steuerfachfrau, war unter den ersten Maturajahrgängen der Ursulinerinnen, arbeitete zunächst in einem großen Betrieb (Steuerangelegenheiten) und später in der Ordination ihres Mannes. Sie trat einige Jahre vor ihrer Hochzeit ihrem Mann zuliebe zum Judentum über. Renate und ihr Bruder Robert (1930–2007) wurden bewusst liberal-jüdisch erzogen. Die Familie legte sehr großen Wert auf Toleranz und Bildung; Renate wurde bereits in frühem Alter ins Theater mitgenommen und blieb lebenslang eine leidenschaftliche Theaterbesucherin. Ihre Mutter schärfte ihr ein, sich bezüglich des Lebensunterhaltes nicht auf eine Heirat zu verlassen, sondern auf jeden Fall einen Beruf zu erlernen – zu dieser Zeit bekanntlich keine selbstverständliche Einstellung gegenüber Töchtern.
LebenspartnerInnen, Kinder: 1951 erste Eheschließung mit Dr. Walter Koling (gest. 1987), dem späteren Generaldirektor der Krankenfürsorgeanstalt der Gemeinde Wien, zwei Kinder (Sohn Michael, geb. 1952, Tochter Petra, geb. August 1957). Scheidung 1957, im Dezember desselben Jahres zweite Eheschließung mit dem Finanzbeamten Ernst Jeschaunig (gest. 1998).
Ausbildungen: Renate Rosner besuchte die Volksschule, das Institut Stern in der Werdertorgasse und das Oberlyzeum Luithlen in der Tuchlauben. 1938 musste sie in eine jüdische Schule wechseln. Sie erwarb im Exil in England ein Higher School Certificate, absolvierte nach Kriegsende in Wien die zweijährige Lehrerbildungsanstalt als Ergänzung ihrer englischen Matura, bewarb sich dann um einen Ausbildungsplatz in einem Lehrgang über „American Library Methods“ des U.S. Information Service Austria, den sie erfolgreich abschloss, und absolvierte neben ihrem Bibliothekarsberuf in mehrmonatigen Sommerkursen die namhafte International Graduate Summer School of Librarianship and Information Sience in Aberystwyth, Wales, die in Kooperation mit der University of Pittsburgh, Pennsylvania veranstaltet wurde.
Laufbahn: 1938 musste die Familie die Wohnung verlassen und in eine Gemeinschaftsunterkunft mit anderen jüdischen Familien ziehen. Renate und ihr Bruder gelangten mit einem Kindertransport der Israelitischen Kultusgemeinde am 22.Juni 1939 nach Harwich, England. Sie kam zu Pflegeeltern in Hull. Die Pflegefamilie war sehr wohlhabend und besaß eine Kette von Obst-, Gemüse- und Blumenhandlungen. Renate musste in deren Geschäft intensiv mitarbeiten und fühlte sich auch sonst nicht wohl in der Familie. Zu ihrem 18. Geburtstag meldete sie sich als friendly alien zur Women’s Land Army zum Kriegshilfsdienst. Zuerst arbeitete sie auf dem Gut von Lord Halifax in der Landwirtschaft, dann wurde sie einer der Cambridge University angeschlossenen Versuchsstation zugewiesen, wo sie Milch und Kälber künstlich befruchteter Kühe zu untersuchen und mit solchen natürlich befruchteter zu vergleichen hatte. 1945 erhielt sie die erste Nachricht von ihren Eltern, die die Nazizeit nach Verhaftung, Freilassung und neuerlich bevorstehender Verhaftung des Vaters in einem Versteck (Weinkeller eines Patienten in Klosterneuburg/Kierling) überlebt hatten. Anfang 1947 kehrte sie nach Wien zurück, während ihr Bruder in England blieb, wo er dank seiner Gastfamilie eine zweite Heimat gefunden hatte und ein erfolgreicher Architekt wurde. Renate Jeschaunig machte nach ihrer Rückkehr den vergeblichen Versuch, einen Privatkindergarten eröffnen zu dürfen, und erhielt dann eine Anstellung als Kinder- und Jugendbibliothekarin in der Bibliothek der American International School in Wien, später deren Leitung, die sie bis zu ihrem Übertritt in den Ruhestand 1984 ausübte. Dort hielt sie auch Einführungsveranstaltungen in research, d. h. in die Technik des wissenschaftlichen Arbeitens. Überdies wurde sie in den Vorstand der Bibliotheken des European Council of International Schools gewählt.
Im BSA (Bund Sozialdemokratischer AkademikerInnen), dessen Gründungsmitglied ihr Vater gewesen war, engagierte sich Renate Jeschaunig besonders in der Frauenarbeitsgemeinschaft, deren Schriftführerin sie viele Jahre war, und gründete dort später eine Seniorenarbeitsgemeinschaft. Auch betätigte sie sich an Schulen etc. als „Zeitzeugin“. Mit ihren Kindern und Enkeln sowie mit ihrem Freundeskreis, zu dem u. a. die Pädagogin Minna Lachs, die Bundesratsabgeordnete Anneli Haselbach und Edith Stumpf-Fischer gehörten, hielt sie bis ins hohe Alter lebhaften Kontakt und nahm am Kulturleben teil.

Literatur / Quellen

Quellen
Mitteilungen von Renate Jeschaunig, Dokumente.

Literatur
Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hg.): Erzählte Geschichte. Berichte von Männern und Frauen in Widerstand wie Verfolgung. Bd. 3: Jüdische Schicksale. Berichte von Verfolgten. Wien 1992.
Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hg.): Erzählte Geschichte. Berichte von Männern und Frauen in Widerstand wie Verfolgung, Bd. 3. 2. Aufl. Wien 1993.
Stumpf-Fischer, Edith: Wie überlebt man „finstere Zeiten“? 5 Bibliothekarinnen, 5 Antworten. In: Korotin, Ilse (Hg.): Österreichische Bibliothekarinnen auf der Flucht. Verfolgt, verdrängt, vergessen? (= biografiA. Neue Ergebnisse der Frauenbiografieforschung. Band 4), Wien 2007, S. 16–21.

Biografieautor:

Edith Stumpf-Fischer

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