Halpern Fanny

chinesischer Name: Han Fen

* 1899 (?), Wien, † 1951, Vancouver, Kanada (lt. Francoise Kreissler: Fanny Gisela Halpern 1899-1952)
Neurologin und Psychiaterin

Schülerin von Wagner- Jauregg; ab November 1934 Ordinaria für Neurologie und Psychiatrie, St. Johns Universität, Shanghai, China; in China erste Universitätsdozentin; Leiterin der 1933 eröffneten modernen psychiatrischen Anstalt in Shanghai, China.

1899 (?) wurde F. H. in der Familie eines jüdischen Militärarztes geboren. 1924-1933 studierte und anschließend arbeitete sie Medizinischen Institut der Universität Wien. Sie gehörte zu den ausgezeichneten Studentinnen und Studenten von Julius Wagner-Jauregg, Professor der Psychiatrie, Nobelpreisträger des Jahres 1927. 1933 entsandte Professor Wagner- Jauregg F. H. nach Shanghai.
Yan Fuqing, Direktor des staatlichen Instituts für Medizin in Shanghai, wollte mithilfe österreichischer Psychiater die Psychiatrie in China weiterentwickeln. Im Jahr 1933 waren bereits 25 Jahre seit der Gründung des ersten Instituts für Psychiatrie in Guangzhou vergangen. Aber es gab in Shanghai nur zwei psychiatrische Kliniken und eine Auffangstelle. Psychisch Kranke erhielten keine medizinische Behandlung, sondern mussten in vielen Fällen in haftähnlichen Zuständen ihr Dasein fristen. Die allgemein verbreitete Meinung war, dass psychisch Kranke unheilbar wären. F. H. sollte nun als Lehrerin am Institut Aufklärungsarbeit betreiben und neueste Erkenntnisse vorstellen. F. H. war in diesen Aufgaben eine Pionierin am Institut. Von ihr wurden die Studiengänge für Neurologie und Psychiatrie ab 1934 eingerichtet, wo sie auch lehrte. Im Krankenhaus des Roten Kreuzes in Shanghai, hielt sie Sprechstunden ab und ihre Schüler konnten ihre Praktika in dieser Institution absolvieren. Außerdem veranstaltete sie Kurse zur Ausbildung von psychiatrischen Pflegern, an denen Studierende auch aus dem medizinischen Institut an der Saint John’s University und aus dem Women’s Christian Medical College in Shanghai teilnahmen.
1935, in einer Konferenz des Chinesischen Ärzteverbandes, stellte F. H. ihre Abhandlung, in der sie von der Medizin und der Gesellschaft sowie von den Rechtswissenschaften ausgehend die vorhandenen Probleme der Psychiatrie Chinas analysierte, vor und präsentierte einen Lösungsplan. Diese Abhandlung fand bei den Anwesenden große Anerkennung, woraufhin eine Diskussionsgemeinschaft gegründet wurde. Die Aufgaben des Komitees waren die Diskussion der Ausbildung von Psychiatern sowie Pflegerinnen und Pflegern, die Diskussion über die Einrichtung von Psychiatrien, die Durchführung von vorbeugenden Maßnahmen gegen Geisteskrankheiten und Förderung der „psychischen Hygiene“, die Gründung von Schulen für geistig Behinderte und von Anstalten und Kliniken für die Ausbildung von Lehrkräften der Psychiatrie, die Ausbildung von Sozialarbeiterinnen und -arbeitern, die mit der Psychiatrie vertraut sind und die Reform der Gesetzesvorschriften für Geisteskranke und entsprechende Betreuungseinrichtungen usf. Die Mitglieder dieses Komitees waren in China praktizierende Psychiater und Neurologen. Vorsitzender war Yan Fuqing und das einzige weibliche Komiteemitglied war F. H. Diese Gründung gilt als das wichtigste Ereignis in der Entwicklungsgeschichte der chinesischen Psychiatrie.
Im Juli 1935 war ein Krankenhaus für Psychiatrie in Shanghai entstanden – das „Shanghai Merey Hospital for Nervous Diseases“, ein Missionskrankenhaus. F. H. hatte die Leitung der medizinischen Verwaltung übernommen. Die Anstalt bot sechshundert PatientInnen Platz, das Personal waren Missionsbrüder aus Trier und Dominikanerinnen aus den USA.
Die Gründung dieses Krankenhauses bedeutete den Ausgangspunkt für die Geschichte der Psychiatrie in Shanghai. In ihrer neuen Position zeigte F. H. voll und ganz ihre Berufsmoral, hohe Organisationsfähigkeit und ihre Tatkraft. Heute heißt dieses Krankenhaus „Zentrum für Psychohygiene“. Nach 72-jähriger Entwicklung sind heute über 1300 Menschen in diesem Zentrum beschäftigt, darunter ca. 1000 medizinische Fachkräfte, von denen ungefähr 100 Doktoren und 20 Professoren sind. Das Zentrum besteht aus zwei Krankenhäusern, einem Forschungsinstitut, einer Abteilung für psychologische Beratung, einer Abteilung für Drogenentzug und einer Abteilung für Rehabilitation. In seinen zwei Krankenhäusern stehen ca. 2500 Betten zur Verfügung. Das Forschungsinstitut hat seit seiner Gründung 1981 große Erfolge erzielt. Seine Forschungsergebnisse wurden vom Staat, vom Ministerium für Gesundheitswesen, vom Stadtkomitee für Wissenschaft sowie vom städtischen Amt für Gesundheitswesen ausgezeichnet. Ohne die Bemühungen von F. H. würde es heute keine derartige Entwicklung und die damit verbundenen Erfolge der Psychiatrie in Shanghai geben.
Nach 1939 war F. H. als Dekanin bei der Fakultät für Neurologie und Neurasthenie beim Institut für Medizin an der Saint John’s University in Shanghai tätig. Um die Psychiatrie in Shanghai zu verbreiten und medizinisches Personal auszubilden, hatte sie gleichzeitig Sprechstunden an mehreren großen und bekannten Krankenhäusern in Shanghai abgehalten. Einige von ihren Schülerinnen und Schülern leben heute noch. Sie sind über 80 Jahre alt, aber erinnern sich noch sehr gut daran, wie F. H. Unterricht gab, ohne auf entsprechende Lehrmittel zurückgreifen zu können. Zuhörende schrieben nieder, was sie in ihren Vorträgen ausführte. Trotzdem, ihre Schülerinnen und Schüler merkten, dass jede Unterrichtseinheit planvoll auf der vorherigen aufbaute. F. H. nahm keine schriftlichen Prüfungen ab, sondern ausschließlich mündliche. Die mündlichen Prüfungen wurden sogar bei ihr zu Hause abgehalten. Der Prüfungsinhalt bezog sich nicht nur auf die Psychiatrie, sondern auch auf die Pathologie.
In November 1951 verließ F. H. Shanghai und fuhr zusammen mit ihrer Mutter über Guangzhou nach Kanada, um mit ihrem jüngeren Bruder zusammenzuleben. Im Jahr darauf verstarb sie in Canada. In Shanghai hatte sie 18 Jahre ihres Lebens gewirkt und hinterließ ihr Lebenswerk, das sie als Vorkämpferin der Psychiatrie in Shanghai auszeichnet.

Werke

Literatur / Quellen

Neue Freie Presse (Abendausgabe), 9.8.1935
www.chinatoday.com.cn/ctgerman/cwdb/txt/2007-11/30/content_88075.htm aus:
Buceng, Xu: Han Fen − Vorkämpferin der Psychiatrie in Shanghai. In: Die kulturellen Eliten der Juden in Shanghai. (o. J.)

BiografieautorIn:

Nastasja Stupnicki

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