Embacher, Paula

geb. Winklmayer
*10.12.1908, Wien, † 8.10.1996, Saalfelden, Sbg.
Vermessungstechnikerin

Zunächst war nichts Aufregendes im Leben der kleinen P., geboren 1908 als Tochter der Josefine Plenk und des Franz Winklmayer. Als Franz um seine Pepi anhielt, sagte ihm die zukünftige Schwiegermutter, er solle erst was „g´scheit´s“ werden, dann könne er wiederkommen. Pepi begann eine Lehre in einer Weißnäherei und nähte in der Zeit ihre Aussteuer. Franz arbeitete als Sekretär im Panhans am Semmering, lernte dann „Elektriker“ und eröffnete mit einem „Compagnon“ ein Geschäft in der Prinz-Eugen-Straße, gegenüber dem Belvedere-Stöckl. Sohn Alfred wurde 1910 geboren und die Eltern wünschten sich eine Entwicklung, die dem Geschäft förderlich wäre.
Bis dahin war P. ein aufgewecktes, hübsches, braves „Mäderl“. Bruder Alfred sollte einmal das „Geschäft“ übernehmen: Elektrotechnik war ein Gebiet voller Zukunftshoffnungen und Vater Winklmayer war überzeugt von der innovativen Kraft dieses Gewerbes.
1914 war meine Mutter 6 Jahre und es kamen durch den Krieg Jahre des Mangels, dennoch lernte P. Klavier und schien sehr begabt, Bruder Alfred lernte Geige. 1918 wurde Alfred nach Holland geschickt: Ein Kindertransport, wie für viele Kinder aus dem schlecht versorgten Nachkriegs-Wien. Die Ernährungsumstellung oder eine genetische Veranlagung verursachte eine Erkrankung an Diabetes, die damals für den kleinen Buben tödlich ausging.
Der Tod Fredis traf meine Großeltern zutiefst, aber er änderte auch die Lebensperspektive meiner Mutter: Sie wollte den ihr zugedachten Ausbildungsweg zur Lehrerin nicht weitergehen, hat wie sie sagte die Klassenkameradinnen als „dumme Gänse“ empfunden, fand keinen Gefallen an Handarbeiten (später aber, als Großmutter, strickte sie wunderbare Liebeserklärungen für Kinder und Enkelkinder).
1922 besuchte P. einen Buchhaltungskurs und trat nach der neunten Schulstufe als Lehrling in den väterlichen Betrieb ein. Sie bewies in der Buchhaltung viel Freude an Mathematik und im Handwerk viel Geschick in der praktischen Arbeit: sie wurde Vaters wichtiger Partner. Weiterhin lernte sie Klavier – sogar Orgel – und war häufig auf Stehplatz in Theater, Oper und Konzert.
1924 besuchte sie einen Abendkurs für Elektrotechnik und ab 1925 die Bundeslehranstalt für Maschinenbau und Elektrotechnik. Als einziges Mädchen wurde sie dort angefeindet, hat aber gerade deswegen eine sehr ehrgeizige Haltung entwickelt, zu zeigen, dass eine Frau den männlichen Kollegen ebenbürtig ist, ja sogar besser sein kann (und muss).
Nach der Matura 1929 inskribierte sie an der Technischen Universität Wien Vermessungswesen, was sie als Freifach an der Gewerbeschule besucht hatte. Zunächst als außerordentliche Hörerin, denn das Reifezeugnis einer solchen Schule (heute Höhere Bundeslehranstalten) berechtigte damals noch nicht zum Studium. Erst seit 1924 gab es eine eigene Lehrkanzel für Vermessungswesen und gerade dieses Fach konnte ihre Begeisterung für Arbeit in der Natur mit ihrer Vorliebe und ihrem Interesse für technische Entwicklungen verbinden.
In einem persönlichen Lebenslauf bemerkte sie: „Die Aufnahmebedingungen für Absolventen technischer Mittelschulen wurden damals (1930) meinetwegen geändert“. Die erste Prüfung legte sie bei Dr. Frisch in Verfassungsrecht ab. Dieser hatte jede Vorlesung mit frauenfeindlichen Fallbeispielen begonnen und zu ihr gesagt: „Bei mir können sie noch so viel lernen, sie bekommen bei mir nie mehr als ein Genügend!“ Das bedeutete aber, sie musste zur Staatsprüfung kommissionell antreten: Am 11.4.1934 legte sie die zweite Staatsprüfung für Vermessungswesen ab und war damit Österreichs erste Ingenieurin für Vermessungswesen.
Nach einem Ansuchen durfte sie ab 1939 den Titel Diplomingenieur führen. 1934 bewarb sie sich als Akkordant oder Hilfstechniker beim Bundesamt für Eich- und Vermessungswesen. Sie war zunächst „Zeitangestellte“, also immer wieder entlassen, um Urlaubs- und Reisekostenansprüche zu umgehen. Während eines Aufenthalts in Rattersdorf/Liebing 1935 muss sie bereits mit den Nachmessungen der Arbeiten des Paters Liesganig begonnen haben, denn die Visuren Wildon-Riegersburg (die in dieser Arbeit verzeichnet sind) waren von dort aus relativ leicht zu finden.
Wie ist nun meine Mutter auf diese Gradmessung aus der Zeit Maria Theresias gekommen? Meine Schwester und ich erinnern uns an Erzählungen über einen Jesuitenpater, der ihr die Arbeit eines Ordensbruders ans Herz legte, ja sie dafür begeisterte:
Die Vermutung scheint für mich bestätigt, nachdem ich erst jetzt, nach dem Tod meines Bruders eine deutsche Übersetzung der Liesganig‘schen Arbeit erhalten habe: Wer hat diese Arbeit (ca. 300 Seiten kleingeschrieben mit Maschine) übersetzt? Wohl dieser Pater. Irgendwann während des Krieges sei er verschwunden sagte meine Mutter. Ist die Brücke die Orgel in St. Stefan gewesen, die sie spielen durfte?
Es war auch eine Zeit relativ unbeschwerten Lebens, wie ich aus ihren Erzählungen entnehmen konnte:
Ihre Aufgabe waren Grenzfeststellungen zwischen Ungarn und dem Burgenland. Sie erzählte sowohl von Bauern, die offenbar des Schreibens unkundig waren, weil der Bürgermeister die drei Kreuzerl, die der Bauer anstelle einer Unterschrift setzte, bestätigen musste, als auch von grenzüberschreitenden Veranstaltungen, die sie genossen hat. So hat sie sich „wunderschöne weiche rote Lederstiefelchen“ besorgt, mit denen sie besonders gut Csárdás tanzen konnte.
1938 wurde Fräulein W. nach Freistadt in Oberösterreich versetzt, wo sie als Leiterin einer Rechengruppe ihren späteren Mann Wilhelm Embacher kennenlernte. Im Oktober 1938 erhielt sie einen neuen Auftrag als Rechner bei den Vermessungsarbeiten der Raumbildvermessung zur Reichsautobahn Planung Kärnten Salzburg.
Die sportliche junge Frau verliebte sich in den arbeitslosen Physikstudenten, der aus Kostengründen (schlafen im Heu war kostenfrei) bei den „Akafliegern“ am Spitzerberg bei Hainburg den Sommer verbrachte. Als Mitglied einer Akaflieg musste man 150 bis 300 Arbeitsstunden jährlich leisten, um die Flugzeuge des Vereins fliegen zu dürfen.
Willi Embacher und sein Bruder Erich haben damals auch ein Lied für die Segelflieger komponiert. In ihrer „Studentenbude“ wurde viel musiziert und P. war dort oft Gast.
Danach wurde sie nach Berlin versetzt. Hier sollte sie in einer Rechengruppe arbeiten, um später die Leitung des Rechenbüros in Breslau zu übernehmen. Bedingung war allerdings der „große“ Ariernachweis. Erstmals hat sich ihr Vater quergelegt, und dafür seine Unterstützung verweigert: Schon die SA-Uniform des zukünftigen Schwiegersohns war ihm sichtlich unangenehm (Schilderung meines Vaters über den „Antrittsbesuch“ bei den Schwiegereltern, den mein Vater abschwächte, indem er diese Uniform begründete: „Ich hatte sonst nichts Besseres anzuziehen“).
Als meine Mutter schwanger wurde, wollte mein Vater nicht heiraten und dachte an „abhauen“. Seine Mutter jedoch verlangte die junge Frau kennenzulernen und erklärte ihrem Sohn, dass er sie nicht „sitzenlassen“ dürfe. (Vor einigen Jahren erst habe ich erfahren, dass gleich nach dem Einmarsch Hitlers 10 Frauen wegen Abtreibung gehenkt wurden!)
Geheiratet wurde Ende Juli 1939 (da war sie im 6. Monat).
Die sehr weit gediehene Doktorarbeit mit ausgedehnten Forschungen, Grabungsarbeiten und Beobachtungen, die mein Großvater unterstützt hatte, blieb bei ihren Eltern liegen. Das war aber nach dem Krieg die Basis für die wissenschaftliche Karriere meines Vaters: alle wissenschaftlichen Fragen waren schon um 1770 aufgeworfen und warteten auf eine zeitgemäße Antwort! Es war also naheliegend, dass das Ehepaar gemeinsam an einer Fertigstellung arbeitete und zur Promotion schritt.
Meine Mutter hat meinen Vater ihren Eltern erst vorgestellt, nachdem ein Eheversprechen vorlag und als Vater Winklmayer vorschlug, sich eine Heirat doch zu überlegen, sagte mein Vater, dass sie heiraten müssen, weil P. schwanger sei.
Hier sei die Familiengeschichte meines Vaters skizziert der als Person sicher nicht den Erwartungen der Eltern meiner Mutter entsprach: Zwei Brüder meines Großvaters haben bei der Bahn gearbeitet, Großvater war beim neuartigen E-Werk angestellt. Als meine Großmutter ungewollt schwanger wurde, (also bevor sie Großvater Embacher kennenlernte) ist sie aus Steyr wegen der „Schande“ nach Saalfelden gezogen: Sie hatte in Steyr Köchin gelernt und ist bei einem Rechtsanwalt in Saalfelden „in Dienst“ gekommen. Das Kind war bei einer Tante, die mit einem Eisenbahner verheiratet war, aber selbst keine Kinder hatte, versorgt worden. Dort hat meine Großmutter den Großvater kennengelernt, mit ihm mit ihren Ersparnissen eine Mühle in Oberösterreich gekauft und in ein E-Werk verwandelt. Schon in ihrer Zeit in Saalfelden hat das Großelternpaar Embacher sechs Kinder großgezogen. Mit dem neuen Unternehmen in Oberösterreich ist Großvater aber in Konkurs gegangen und zuletzt noch von einem Auto überfahren worden: Die Töchter wurden verheiratet (so habe ich das empfunden, wie weit die Tanten Gelegenheit hatten selbstbestimmt zu handeln, wage ich immer noch zu bezweifeln) und die Söhne gingen nach Wien studieren. Die Brüder lebten dort in einer „Bude“ und verdienten Geld zum Leben mit Musizieren und Gelegenheitsarbeiten.
Zu diesem Zeitpunkt lernten sich meine Eltern kennen.
Dann kam mein Bruder, der Krieg, die Einberufung meines Vaters, die Versetzung meiner Mutter nach Berlin, meine Geburt. Die Geburt meiner Schwester 1944 war von Bombenangriffen auf Wien überschattet. Es folgte eine „Flucht“ von Wien nach Saalfelden über Anraten meines Vaters beim letzten Fronturlaub. Wir haben Aufnahme bei einem Bauern gefunden, der uns das Zimmer seines ältesten Sohnes, der gefallen war, zur Verfügung stellte. Meine Mutter hat dann von 1945 bis 1948 in Zell am See Dienst geleistet. Sicher war es auch der Respekt vor der alleinerziehenden Mutter, die ihn veranlasste, meinem Vater mit Salz und Brot entgegenzugehen, als dieser aus der Gefangenschaft heimkehrte. Als P. erfuhr, dass ihr Mann noch am Leben war, ist sie in die Kirche von Saalfelden gegangen, um dort aus Dankbarkeit auf der Orgel zu spielen.
Nach der Rückkehr meines Vaters aus der Kriegsgefangenschaft ist die Familie wieder nach Wien übersiedelt. Dort haben beide Eltern ihre Studien wieder aufgenommen (trotz Beruf und drei Kindern).
1949 hatten meine Eltern eine gemeinsame Promotion, wobei meine Mutter die erste Frau mit dem Titel „Dr.techn.“ war. Ich habe damals mit gerade einmal 6 Jahren ein von Tanten genähtes neues Kleid bekommen und meine ersten „Stoppellocken“ anstatt der üblichen Zöpfe. Damit die Locken hielten, wurde der Bruder um ein Krügel Bier geschickt, mit dem Bier gestärkt hielt die Haarpracht dann für die Zeremonie.
Besonders beeindruckt war ich von dem kristallgeschmückten Stab des Pedells, mit dem er dreimal klopfte, um den Beginn der Feier anzukündigen. Rektor war damals ein Geophysiker mit Namen Friedrich Hopfner. Er stammte aus Nordböhmen, (geboren 1881 in Trautenau) und hat möglicherweise auch Unterlagen für die Forschungsarbeiten meiner Mutter aus Brünn (Endpunkt der Liesganig´schen Basismessung) beschafft und sie als Kollege im Bundesvermessungsdienst, aber auch als Hochschulprofessor immer wieder ermutigt.
Nun meine Sicht auf die Arbeit meiner Mutter:
Die Genauigkeit von Landkarten setzt ein genaues (maßstabgetreues) Abbild der Erde voraus. Die Humboldt´sche Gradmessung in den Anden hatte ebensolche in vielen europäischen Ländern zur Folge. Das Besondere der Liesganig´schen Gradmessung ist seine genaue Beschreibung wie er dabei vorging und die nachweisbare Genauigkeit, „meine Freunde sagen meine religiöse Sorgfalt“. Für mich fast aufregend war die Erkenntnis, dass die Arbeit meiner Mutter weit gediehen war, unterstützt von ihrem Vater, der sie mit dem Auto zu den Messpunkten führte, wenn möglich.
Wie sehr sie diese Forschung interessierte, zeigen Protokolle, in denen sie schreibt, wie sie Messpunkte ausgräbt, wiederfindet, nachmisst… Mit ziemlichem Aufwand, weil sie ansuchen musste und Daten aus Archiven aufspüren. Ziel waren bessere Landkarten als Ergebnis von terrestrischen Messungen in Verbindung mit Sternbeobachtungen – sogenannten Ortsbestimmungen, wie sie auch in der Schifffahrt üblich sind. Genau das hat aber auch mein Vater in seiner Arbeit gemacht, speziell für Gebirge, wo die Kartenränder größere Fehler aufweisen und die Methode Embacher die möglichen Messpunkte mittels Rückwärtseinschneiden, Triangulierung und Sternbeobachtung berichtigt hat.
In späteren Jahren hat mein Vater auch gemeinsam mit der Universität Graz (Prof. Rinner) Gravitationsmessungen vorgenommen: Auch hier hatte die Technik bereits genauere Geräte und Verfahren als zu Liesganigs Zeiten und die Hinweise auf unterirdische Bruchlinien und Ablenkungen faszinierten ihn ebenso wie den Pater Liesganig:
Dieser schrieb 1779: „Wenn nun durch die einzelne Macht des Berges Cimboraso das Lot um etwa 8 Sekunden abgelenkt wird, darf man doch wohl annehmen, dass von der so großen Masse hoher und erzreicher Berge Obersteiermarks auch das Lot meines Sektors um 12 Sekunden abgelenkt und abgetrieben werden konnte, sodass die südlichen Distanzen der Sterne kleiner als richtig, die nördliche Zenitdistanz jedoch größer als richtig herauskommen musste…“
1985 durfte ich meine Mutter zur Feier ihres goldenen Ingenieurdiploms begleiten: Sie hat sich damals stolz ihrer Erfolge erinnert, sah sich aber nie als „Karrierefrau“. Im Gegenteil: in der Erinnerung waren die Verletzungen der frauenfeindlichen Erlebnisse sehr schmerzhaft und sie hat uns Töchtern alles andere als Mut gemacht. Dennoch war sie uns ein Vorbild an Gewissenhaftigkeit und Arbeitstreue: Oft dachte ich in meinen Jahren als Beruf und Kindererziehung schier unvereinbar schienen: „Sie hat es noch viel schwerer gehabt“!
Sie erlebte sich auch als Ehefrau eines patriarchalisch geprägten Mannes als Verliererin und dennoch lehrte sie uns Töchter um unsere Rechte zu kämpfen! Ich bin sehr stolz auf meine Mutter, aber ich weiß, dass der Weg zu beruflicher und gesellschaftlicher Gleichberechtigung noch immer weit ist!

Werke

Literatur / Quellen

BiografieautorIn:

Heide Manhartsberger-Zuleger

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Name