Weisskopf, Edith Adele

verh. Weisskopf-Joelson

* 29.11.1910, Wien, † 3.7.1983, Athens, Georgia, USA
Psychologin und Psychiaterin

Besuch der Volks- und Mittelschule in Wien; 11.6.1929 Reifeprüfung mit Auszeichnung am Mädchenrealgymnasium in Wien 8; Wintersemester 1929/30 Aufnahme des Studiums der Psychologie und Philosophie an der Universität Wien; 1937 Promotion zur Dr.phil. bei Karl Bühler sowie Moritz Schlick; 1938/39 Emigration über Deutschland und Norwegen nach New York; 1939–1942 Instructor am Briarcliff College in New York; 1942–1946 Instructor, 1946–1949 Assistant Professor am Department of Psychology der Indiana University in Bloomington, Indiana; 1944–1948 klinische Psychologin in Kliniken für psychische Krankheiten des Indiana State Department of Public Welfare; 1949–1958 Associated Professor, 1958–1965 Full Professor für Psychologie an der Purdue University in Lafayette, Indiana, 1967–1978 Full Professor für Psychologie an der University of Athens, Georgia.

E. A. W. wurde am 29. November 1910 in Wien geboren. Sie war österreichische Staatsbürgerin und Tochter des Richters und Rechtsanwalts Emil Weisskopf (1873–1926) und dessen Ehefrau Martha Weisskopf, geb. Guth (1880–1958). Die Familie wohnte in Wien 1, Reichsratsstraße 11. (AUW, PHIL Nationale) E. A. W. und ihre älteren Brüder Walter Albert (1904–1991) und Victor (1908–2002) wuchsen behütet auf, die Familie hatte mehrere Hausangestellte, alle Kinder erhielten Musikunterricht und sie unternahmen Sommerfrischen und andere Reisen. (V. Weisskopf 1991, S. 12–31) Während ihr Vater, der aus einer eher ärmlichen jüdischen Familie stammte und sich zu einem wohlhabenden Rechtsanwalt hochgearbeitet hatte, in ihrer Kindheit wenig präsent war (Militärdienst und russische Kriegsgefangenschaft im Ersten Weltkrieg), achtete ihre Mutter, die aus einer begüterten jüdisch-assimilierten Wiener Familie stammte, sehr darauf, ihre einzige Tochter zu einer wohlerzogenen, kulturell und intellektuell interessierten Dame zu erziehen und unternahm mit ihr ab ihrem 14. Lebensjahr mehrere Reisen ins Ausland, u.a. nach England. Den gesellschaftlichen Druck, einen gebildeten, angesehenen Mann zu heiraten und eine Familie zu gründen, um „normal“ zu wirken, empfand E. A. W. nach eigener Aussage als sehr stark. (Weisskopf-Joelson 1988, S. 11–23, s. auch: Freidenreich 2002, S. 112) E. A. W. besuchte die Volks- und Mittelschule in Wien. Nach der Reifeprüfung am Mädchenrealgymnasium in Wien 8, die sie am 11. Juni 1929 mit Auszeichnung bestand, nahm sie im Wintersemester 1929/30 ein Studium an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien auf. (AUW, PHIL Nationale 1929/30; RA: CV; RP)
Möglicherweise beeinflusst von ihrem Bruder Victor Weisskopf, der 1926 sein Studium der Physik an der Universität Wien aufgenommen, bei Hans Thirring die Grundlagen der theoretischen Physik studiert und auf dessen Anraten 1928 nach Göttingen gewechselt hatte, um neue Quantenphysik zu studieren (V. Weisskopf 1991, S. 38–45), besuchte E. A. W. an der Universität Wien zunächst vor allem Vorlesungen in Mathematik und Physik (v. a. bei Hans Hahn und Hans Thirring), ab 1931 zunehmend auch Philosophie (bei Mitgliedern des „Wiener Kreises“) und Psychologie. (AUW, PHIL Nationale 1929/30 bis 1931/32). Wie ihr Bruder, der im April 1931 an der Universität Göttingen über „Theorie der Wechselwirkung des Lichts mit Atomen“ bei Max Born promovierte (V. Weisskopf 1991, S. 54–57, 61), verbrachte auch E. A. W. 1932 ein Semester an der Universität Göttingen, wo sie vor allem Mathematik und Physik studierte. (Weisskopf-Joelson 1988, S. 49)
E. A. W. ließ sich 1932 in Berlin einer kosmetischen Nasenoperation unterziehen, und meinte später, dass diese Tatsache sie möglicherweise auch vor antisemitischen Übergriffen geschützt hätte, da sie nach dem Eingriff auch nicht mehr „jüdisch aussah“. (Weisskopf-Joelson 1988, S. 25, s. auch: Freidenreich 2002, S. 40).
Zurück in Wien setzte sie ihren Studienschwerpunkt stärker im Bereich Philosophie und Psychologie und belegte in den letzten beiden Semestern ausschließlich Lehrveranstaltungen bei Moritz Schlick, Karl Bühler und besonders Charlotte Bühler. (AUW, PHIL Nationale 1932/33 bis 1933/34; RA: CV) Die Bühler-Schule weckte ihr besonderes Interesse, da sie eine neue Richtung der Psychologie darstellte, die mehr auf die subjektive Realität des Menschen einging. (Weisskopf-Joelson 1988, S. 26) Auch Else Frenkel-Brunswick und Egon Brunswick lernte sie als Lehrende an der Universität Wien kennen, (Weisskopf-Joelson 1988, S. 31) wobei sie später Else Frenkel als ihre prägendste Lehrerin beschrieb. (Stevens/Gardner 1982, S. 169f) Am 24. Juli 1935 wurde E. A. W. das „Absolutorium“ ausgestellt. (AUW, PHIL Nationale Wintersemester 1933/34)
Ihre Dissertation „Wunsch und Pflicht als Funktion des Lebensalters“ verfasste sie unter Anleitung von Charlotte Bühler am Psychologischen Institut, deren Lebensalter-Studien sie stark beeinflusst hatten. (Stevens/Gardner 1982, S. 170) Ziel der Dissertation war es, die subjektive Empfindung der Phänomene Wunsch und Pflicht zu beschreiben und deren Rolle im Laufe des Lebens zu ergründen: „Zu diesem Zwecke wurden 65 Personen aller Altersstufen über ihre konkreten Wünsche und Pflichten befragt und dann aufgefordert anzugeben, was sie allgemein unter diesen beiden Begriffen verstehen.“ Im Zuge der Analyse ging E. A. W. auch besonders auf individuelle Differenzen (abhängig von Alter, Charakter, Entwicklungstempo und Geschlecht) ein. (AUW, RA: Beurteilung der Dissertation; Weisskopf 1935)
Am 9. Oktober 1935 hatte sie sich zu den Rigorosen aus Psychologie in Verbindung mit Völkerkunde angemeldet (AUW, RA). Die zweistündige Prüfung bei Karl Bühler und Moritz Schlick bestand sie am 6. Juni 1936 – nur zwei Wochen vor Schlicks Ermordung in der Universität am 22. Juni 1936. Das einstündige Rigorosum aus Völkerkunde absolvierte sie ein Jahr später am 12. Juni 1937 mit Auszeichnung bei Wilhelm Koppers und Josef Weninger. Am 5. November 1937 promovierte sie schließlich an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien zur Dr.phil. (AUW, RP)
Anschließend nahm sie ein Studium an der Medizinischen Fakultät auf und war zuletzt im Sommersemester 1938 im 2. Studiensemester inskribiert, musste dieses aber aufgrund des systematischen Ausschlusses jüdischer Studierender von der Universität Wien abbrechen (Abgangszeugnis vom 28. Juni 1938). (AUW, MED Nationale 1937/38)
Gemeinsam mit Else Frenkel-Brunswik veröffentlichte E. A. W. 1937 das Werk „Wunsch und Pflicht im Aufbau des menschlichen Lebens“, das zu wesentlichen Teilen auf ihrer Dissertation beruhte.

E. A. W.s Bruder Victor war bereits im Sommer 1937 in die USA emigriert, wo er auf Vermittlung von Niels Bohr eine Dozentur an der University of Rochester in New York übernommen hatte. Nach dem „Anschluss“ 1938 gelang es ihm mithilfe jüdischer Organisationen in Rochester Affidavits für die Einreise der ganzen Familie (E. A. W., der ältere Bruder Walter sowie die Mutter Martha) in die USA zu bekommen. Die Familie musste einen großen Teil ihres Vermögens zurücklassen. (V. Weisskopf 1991, S. 125–130)
E. A. W. flüchtete im September 1938 über Hamburg nach Bergen in Norwegen und organisierte von dort aus ihre weitere Ausreise in die USA. Im Februar 1939 erhielt sie endlich die Einreisebewilligung in die USA und unternahm die Überfahrt von Bergen nach New York City, wo sie im März ankam. (Weisskopf-Joelson 1988, S. 6–12) Ihre älteren Brüder schlugen in den USA erfolgreiche akademische Karrieren ein: Walter Weisskopf – zunächst Anwalt – wurde Nationalökonom an den Universitäten von Omaha und Chicago. Der Nuklearphysiker Victor Weisskopf leitete von 1943 bis 1946 eine Gruppe des Manhattan-Projekts in New Mexico, hatte damit wesentlichen Anteil an der Entwicklung der Atombombe und wurde nach Kriegsende Professor am M.I.T. (V. Weisskopf 1991, S. 130–145; Blumesberger 2002, S. 1458)
Trotz der schwierigen Arbeitsmarktlage für Flüchtlinge fand auch E. A. W. nach ihrer Ankunft in den USA rasch eine Arbeitsstelle als Ausbilderin („instructor“) im Department of Psychology am Briarcliff College der Indiana University nahe New York City, wo sie im Herbst 1939 anfing. (Blumesberger 2002, S. 1458; Geuter 1986, S. 280) Den Wunsch zu lehren hatte sie bereits als Kind gehegt. Fehlende Lehrerfahrung, mangelnde Englischkenntnisse sowie Unterschiede der „europäischen“ und „amerikanischen“ Psychologie bereiteten ihr anfangs jedoch einige Schwierigkeiten bei der Vorbereitung: „American psychology was so different from the psychology I had learned Vienna […]. The books described complex theoretical schemes which seemed to have been constructed for the purpose of making psychology look like an exact science rather than a tool for increasing our understanding of human beings‘ thoughts, feelings, attitudes and behaviours.“ (Weisskopf-Joelson 1988, S. 27) Nach ersten Anfangsschwierigkeiten im Umgang mit den Studierenden, besuchte sie im Sommer 1940 Fortbildungskurse für Psychologie und ihre Lehrerfahrungen verbesserten sich im zweiten Jahr am Briarcliff College (1940/41) deutlich.
In New York lernte E. A. W. den in Polen geborenen Psychologen Gustav Ichheiser (1897–1969) kennen, der ebenso an der Universität Wien studiert und 1924 bei Karl Bühler promoviert hatte (s. u.a. Geuter 1986, S. 267). 1941 heirateten sie und obwohl die Ehe bereits zwei Jahre später geschieden wurde, hatte er als Sozialpsychologe und Soziologe nach ihrer eigenen Aussage auf ihr Denken und ihre wissenschaftliche Arbeit großen und nachhaltigen Einfluss. Zu dieser Zeit begann sie auch, sich verstärkt mit dem Thema psychische Krankheiten – und damit verbunden mit dem seit der Kindheit verinnerlichten Wunsch nach „Normalität“ bzw. der Furcht vor „Abnormalität“ – auseinanderzusetzen. (Weisskopf-Joelson 1988, S. xiii, 31f)

1942 zog E. A. W. nach Indianapolis um und begann zunächst als Ausbilderin („instructor“), ab 1946 als Assistant Professor am Department of Psychology an der Indiana University in Bloomington, Indiana, zu arbeiten. Ab 1944 war sie daneben als klinische Psychologin in der Marion County Mental Hygiene Clinic des Indiana State Department of Public Welfare tätig, bis sie 1946 an die Lake County Mental Hygiene Clinic wechselte. (Weisskopf-Joelson 1988, S. xiii, 32; Stevens/Gardner 1982, S. 170) Daneben veröffentlichte sie erste Fachartikel zu unterschiedlichen Themen in den Fachblättern „Rorschach Research Exchange“ (1942) und „Public Welfare in Indiana“ (1945) sowie in der „Encyclopedia of Child Guidance“ (1943).
1944 erhielt sie die US-Staatsbürgerschaft. (Who’s who Midwest 1958; Stevens/Gardner 1982, S. 170)

1949 übernahm E. A. W. schließlich die Position eines Associate Professor am Department of Psychology an der Purdue University. (Stevens/Gardner 1982, S. 170) 1950 erhielt sie ein Diplom für klinische Psychologie vom American Board of Examiners in Professional Psychology. (Schneiderman/Carmin 1955; Cohen/Carmin 1956)
Am 27. Dezember 1951 heiratete E. A. W. ihren langjährigen Partner, den in Riga/Lettland geborenen Ingenieur und Unternehmer Michael Joelson. Die Ehe ging 1961 in die Brüche und wurde schließlich 1972 geschieden. (Weisskopf-Joelson 1988, S. 37–45)
In Purdue gehörte E. A. W.-J. bald zum Lehrkörper des Graduiertenstudiums (Weisskopf-Joelson 1988, S. 43) und wurde hier mit neuen Aufgaben im Bereich der Forschung und der Publikation wissenschaftlicher Fachartikel konfrontiert. Ihre ersten und zugleich prominentesten Forschungen befassten sich mit dem „Thematic Apperception Test“ (TAT), in dem die Versuchsperson anhand von Bildern assoziativ eine Geschichte erzählen soll, um tieferliegende Sorgen, Wünsche und Hoffnungen auszudrücken. Im Rahmen ihrer experimentellen Studie versuchte E. A. W.-J. systematisch zu analysieren, welchen Einfluss Änderungen bestimmter Bildelemente auf die produzierten Geschichten haben, mit dem Ziel, die Wirksamkeit der im Test verwendeten Bilder für die klinische Psychologie zu optimieren. Auf Basis ihrer Untersuchung veröffentlichte sie 1950 zwei Fachartikel im „Journal of Psychology“. Bis 1953 folgten mindestens vier weitere Beiträge zu diesem Thema, teils gemeinsam mit Kollegen verfasst. Ihre quantitative Studie brachte E. A. W.-J. breite akademische Anerkennung und sie erhielt 1958 an der Purdue University eine Stelle als „Full Professor“. (Weisskopf-Joelson 1988, S. 32f; s. auch Stevens/Gardner 1982, S. 168–170) Sie gehörte mehreren Fachvereinigungen an: der American and Industrial Psychologic Association, der Society for Projective Techniques und der Midwestern Association of College Psychiatrists and Psychologists. (Schneiderman/Carmin 1955; Cohen/Carmin 1956)

In den 1950er Jahren begann sie sich auch intensiv mit Viktor Frankls Ideen existentieller Psychotherapie – der sogenannten Logotherapie – auseinanderzusetzen. Trotz ihrer erfolgreichen quantitativ-experimentellen Studien fühlte sie sich von der mehr philosophisch als naturwissenschaftlich ausgerichteten Logotherapie stärker angesprochen und auch ihre eigenen Arbeiten und ihre Lehre wurden davon zunehmend beeinflusst. (Weisskopf-Joelson 1988, S. 33f) Zu ihren ersten Publikationen in diesem Themenbereich zählt etwa der Beitrag „Logotherapy and Existential Analysis“, in dem sie das Konzept von Frankls Schule als ein auf die spirituellen Aspekte des Mensch-Seins konzentriertes erläuterte (im Kontrast zu Freuds Psychoanalyse, die auf den psycho-biologischen Aspekt fokussiere). Schwerpunkt sei nun die Suche nach dem Sinn der menschlichen Existenz: „Such search is an important undertaking in psychotherapy since the lack of awareness of life’s meaning is among the most important causes of emotional frustration in our time.“ (Weisskopf-Joelson 1958, S. 13). Später folgten „Logotherapy: Science or Faith?“ (1975), ein Beitrag über Viktor Frankls Werk (1978) sowie zwei Beiträge im „International Forum for Logotherapy“ (1980 und 1983). Die wachsende Hinwendung zu einer philosophisch und humanistisch orientierten Psychologie führte gegen Ende der 1950er Jahre jedoch auch zu einer zunehmenden wissenschaftlichen Isolation innerhalb der Purdue University, da alle anderen Kollegen stark quantitativ-experimentell arbeiteten. (Weisskopf-Joelson 1988, S. 34; vgl. auch Stevens/Gardner 1982, S. 168–170)

Während ihrer Lehrtätigkeit an der Purdue University wurde E. A. W.-J. mit Tuberkulose infiziert und war von 1962 bis 1964 im Valley View Hospital in Behandlung. Während dieser Zeit tauchten erste Symptome von Schizophrenie auf. (Weisskopf-Joelson 1988, S. 51–75) Um sich von der langen Krankheit zu erholen, nahm E. A. W.-J. 1964 eine Teilzeitstelle am katholischen Undergraduate College St. Mary-in-the-Woods in Terre Haute, Indiana, an, wo sie als Beraterin in der Bibliothek arbeitete und nur fallweise lehren musste. Ihr Geisteszustand verschlechterte sich jedoch zunehmend, sodass sie etwa ein Jahr später in das Pineville Mental Hospital zur Behandlung gebracht wurde. (Weisskopf-Joelson 1988, S. 76–118) In einem Tagebuch hielt sie Erfahrungen ihrer psychischen Krankheit fest, welches 1988 von der Purdue University posthum unter dem Titel „Father, Have I Kept My Promise?“ und mit einem Nachwort von Viktor Frankl veröffentlicht wurde. Darin schrieb sie: „It is hoped that this book may represent one step toward this goal, that it may give the reader a glimpse of the mysterious beauty, the terror, the sadness and the healing rebirth brought into existence by the strange experience which we call madness.“ (Weisskopf-Joelson 1988, S. 126) Darin beschrieb sie jedoch nicht nur ihre Erfahrungen mit der Krankheit, sondern analysierte nachträglich auch deren Ursachen anhand ihrer eigenen Biografie und kam zu dem außergewöhnlichen Schluss, dass sie die Schizophrenie mehr als einen Durchbruch denn als einen Zusammenbruch empfand („Thus, I decided to think of my madness not as a breakdown but as a breakthrough.“, Weisskopf-Joelson 1988, S. 123), da sie an der Erfahrung gewachsen war und nicht mehr den gesellschaftlichen Druck verspürte, nach oberflächlichen Kriterien und um jeden Preis „normal“ wirken zu wollen. Aus dieser Erkenntnis heraus empfand sie es nun als ihre Pflicht, über die Mission der Unangepassten („the mission of the maladjusted“) zu schreiben: „We are being forced into a mode of life which violates our basic nature. We are not meant to be efficient and speedy from morning to night, without time and opportunity to contemplate, fantasize, dream, feel, and experience. […] Those who cannot do so are the maladjusted. They are the people who cannot be oppressed, the people who cannot bear the cold rationality of a scientific age, the people who refuse to be converted into machines, the people whose inner lives are too strong and incorruptible to permit smooth functioning in a mass society.” (Weisskopf-Joelson 1988, S. 125) E. A. W.-J. prognostizierte, dass diese wachsende Gruppe der Unangepassten auch politisch an Einfluss gewinne und die inhumane Gesellschaft in eine humane ändern werde. Andererseits läge die Aufgabe der Unangepassten auch auf der individuellen Ebene, indem man anderen ein befreiendes Vorbild biete und ihnen zeige „‚It is all right to be different!‘ […] Our maladjustment may become meaningful if we speak to others about our pain, if we speak to others about our hunger for the many things which are missing not only in our lives, but also in their lives and in the lives of many contemporary men and women.“ (Weisskopf-Joelson 1988, S. 125) In eine ähnliche Stoßrichtung ging auch der 1984 veröffentlichte Artikel „Schizophrenics as a minority group” (Weisskopf-Joelson 1984). Insgesamt kam sie zu dem Schluss, auch beruflich stark von ihrer Erkrankung profitiert zu haben: „But only after I emerged from the flood of madness could I see new meaning in my life. I have not only studied madness, as other students of psychology have done, but also lived through it. This coexistence of knowledge and experience presents a mandate I must fulfill, that I have already partially fulfilled when attempting to teach my students about madness.“ (Weisskopf-Joelson 1988, S. 129)

Während ihres Aufenthalts in der psychiatrischen Klinik hatte E. A. W.-J. ihre Professur an der Purdue University gekündigt, erhielt jedoch noch vor ihrer Entlassung aus der Klinik das Angebot, ab September 1966 als Gastprofessorin am Department of Psychology der Duke University in Durham, North Carolina zu lehren. Sie nahm dieses an und setzte damit ihre akademische Karriere fort. (Weisskopf-Joelson 1988, S. 118) Ein Jahr später wechselte sie als Professorin an das Department of Psychology der Universität of Georgia in Athens, wo sie 1978 emeritiert wurde. Sie lehrte noch bis zu ihrem Tod als „retired part-time professor“ weiter. (Blumesberger 2002, S. 1458; Geuter 1986, S. 280; Weisskopf-Joelson 1988, S. 118–122)
E. A. W.-J. starb am 3. Juli 1983 in Athens, Georgia, an Herzstillstand. Ihr umfangreicher Nachlass, der Korrespondenz, Manuskripte von Artikeln, diverse Notizen, Fotos und andere Unterlagen umfasst, befindet sich in der Ingram Library an der University of West Georgia.

Seit 2009 ist E. A. W.-J. eine Seite im „Gedenkbuch für die Opfer des Nationalsozialismus an der Universität Wien 1938“ gewidmet. (Kniefacz 2014)

Werke

Wunsch und Pflicht als Funktion des Lebensalters. Phil. Dissertation, Universität Wien, 1937.
Gem. mit Frenkel-Brunswik, E.: Wunsch und Pflicht im Aufbau des menschlichen Lebens (Psychologische Forschungen über den Lebenslauf 1), Wien, 1937.
The Influence of the Time Factor on Rorschach Performances. In: Rorschach Research Exchange 6, 1942, S. 128-136.
Temper Tantrums. In: Wynn, R. B. (Hg.): Encyclopedia of Child Guidance, New York, 1943.
The Influence of Mental Hygiene on Intellectual Development. In: Public Welfare in Indiana 55, 1945, S. 19-20.
An Experimental study of the Effect of Brightness and Ambiguity on Projection in the Thematic Apperception Test. In: Journal of Psychology 29, 1950, S. 407-416.
A Transcendence Index as a proposed Measure in the TAT. In: Journal of Psychology 29, 1950, S. 379-390.
Gem. mit Dieppe, J.: Experimentally Induced Faking of TAT Responses. In: Journal of Consulting Psychology 15, 1951, S. 469-474.
Intellectual Malfunctioning and personality. In: Journal of Abnormal and Social Psychology 46, 1951, S. 410-423.
Some Comments Concerning the Role of Education in the „Creation of Creation“. In: Journal of Educational Psychology 42, 1951, S. 185-189.
Gem. mit Dunlevy, G. P. Jr.: Bodily Similarity between Subject and Central Figure in the TAT as an Influence on Projection. In: Journal of Abnormal and Social Psychology 47, 1952, S. 440-445.
Early Childhood. In: Brower, D. /Abt, L. E. (Hg.): Progress in Clinical Psychology, Vol. l, New York, 1952.
Gem. mit Lynn, D. P.: The Effect of Variations in Ambiguity on Projection in the Children’s Apperception Test. In: Journal of Consulting Psychology 17, 1953, S. 67-70.
Gem. mit Money, L. Jr.: Facial Similarity between Subject and Central Figure in the TAT as an Influence on Projection. In: Journal of Abnormal and Social Psychology 49, 1953, S. 341-344.
Some suggestions concerning Weltanschauung and psychotherapy. In: The Journal of Abnormal and Social Psychology 48/4, Oct 1953, S. 601-604.
Some Comments on a Viennese School of Psychiatry. In: Journal of Abnormal and Social Psychology 51/3, 1955, S. 701-703.
Some Speculations Concerning the Selection of Clinical Psychologists. In: Journal of Abnormal and Social Psychology 51/3, 1955, S. 697-699.
Creative Thinking. In: Journal of the American Society of Training Directors 11, 1957, S. 7-13.
Gem. mit Albrecht, K. Jr. /Ascher, E. J./ Hoffman, M. I.: An Experimental Investigation of „Label Avoidance“ as a Manifestation of Repression. In: Journal of Projective Techniques 21, 1957, S. 88-93.
Gem. mit Abrahamson, L. S. / David, H. P. / Feifel, H. / Forer, P. / Grundlach, R.: Symposium: Research with Projective Techniques. In: Journal of Projective Techniques 21, 1957, S. 341-361.
Symposium: research in projective techniques. In: Journal of projective techniques 21/4, Dec 1957, S. 347-349.
Logotherapy and Existential Analysis. In: Acta Psychotherapeutica 6/3, 1958, S. 193-204.
Gem. mit Wicha, R.: An Experiment Concerning the Value of a „Pictureless TAT”. In: Journal of Projective Techniques 25/3, 1961, S. 360-362
Gem. mit Eliseo, Th.: An Experimental Study of the Effectiveness of Brainstorming. In: Journal of Applied, Psychology 45, 1961, S. 45-49.
Gem. mit Foster, H. C.: An Experimental Study of the Effect of Stimulus Variation upon Projection. In: Journal of Projective Techniques 26, 1962, S. 366-370.
An Antidote against Separation. In: Review of Existentialist Psychology and Psychiatry 2, 1962, S. 265-283.
Paranoia and the “Will-to-Meaning”. In: Existentialist Psychotherapy 1, 1966, S. 316-320.
Some Comments on the Psychology of Misunderstanding. In: Journal of Individual Psychology 22, 1966, S. 201-203.
Meaning as an Integrating Factor. In: Bühler, Ch. / Massarik, F. (Hg.): The Course of Human Life, Berlin, 1968.
Mental Health and Intention. In: Journal of Psychology 69/1, 1968, S. 101-106.
The Present Crisis in Psychotherapy. In: Journal of Psychology 69/1, 1968, S. 107-115.
Gem. mit Alleman, S. A. /Anderson, J. M./ Katkin, St.: Relative Emphasis on Nine Values by a Group of College Students. In: Psychological Reports 24, 1969, S. 299-310.
Gem. mit Wexner, L. B.: Projection as a Function of Situational and Figural Similarity. In: Journal of Projective Techniques and Personality Assessment 34, 1970, S. 397-400.
Gem. mit McDaniel, M. / Zimmerman, J.: Similarity between Subject and Stimulus as an Influence on Projection. In: Journal of Projective Techniques and Personality Assessment 34,1970, S. 328-331.
On Surrender. In: Journal of Psychology 76, 1970, S. 57-66.
Gem. mit Katkin, St.: Relationship between Professed Values and Emotional Adjustment of College Students. In: Psychological Reports 28, 1971, S. 523-528.
Der Sinn als integrierender Faktor. In: Bühler, Ch. / Massarik, F. (Hg.): Lebenslauf und Lebensziele: Psychologische Studien in humanistischer Sicht, Stuttgart, 1971.
Some Comments on the Psychology of the Psychologist. In: Journal of Psychology 78/1, 1971, S. 95-114.
Some Suggestions Concerning the Concept of Awareness. In: Psychotherapy 8, 1971, S. 2-7.
Gem. mit McKeown, D. O.: The Effect of the Need Achievement on Verbal Operant Conditioning. In: Journal of Psychology 81, 1972, S. 23-35.
Experimental Studies of „Meaning“ through Integration. In: Annals of the New York Academy of Sciences 193, 1972, S. 260-272.
Gem. mit Heiney, W. F.: Verbal Operant Conditioning as a Measure of Value Strength I. In: Journal of Psychology 80 (1972), S. 45-56.
Gem. mit Matthey, W.: Verbal Operant Conditioning as a Measure of Value Strength II. The Use of Values as Reinforced Response Classes. In: Journal of Psychology 81, 1972, S. 13-22.
Logotherapy: Science or Faith?. In: Psychotherapy 12, 1975, S. 238-240.
Viktor E. Frankl (the first of „Six Representative Approaches to Existential Therapy“). In: Valle, R. S. / King, M. (Hg.): Existential-Phenomenological Alternatives for Psychology, New York, 1978.
The Place of Logotherapy in the World Today. In: The International Forum for Logotherapy 3, 1980, S. 3-7.
Values: The Enfant Terrible of Psychotherapy. In: Psychotherapy 17, 1980, S. 459-466.
My Work. In: Stevens, G. /Gardner, S. (Hg.): The Women of Psychology, Volume II: Expansion and Refinement, Cambridge, Mass., 1982, S. 168-171.
The Role of Philosophy in Five Kinds of Therapeutic Systems. In: Sharkey, P. W. (Hg.): Philosophy and Therapy, Washington, D.C., 1982.
The Therapeutic Ingredients of Religious and Political Philosophies. In: Sharkey, P. W. (Hg.): Philosophy and Therapy, Washington, D.C., 1982.
Remarks of a Free-Floating Spirit. In: The International Forum for Logotherapy 6, 1983, S. 98-101.
Schizophrenics as a minority group. In: Psychotherapy: Theory, Research, Practice, Training, 21/3, 1984, S. 365-369.
Father, Have I Kept My Promise? Madness as Seen from Within, West Lafayette, Indiana, 1988.

Literatur / Quellen

Literatur

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Blumesberger, S. / Österreichische Nationalbibliothek (Hg.): Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft 18. bis 20. Jahrhundert (Bd. 1: A–I, Bd. 2: J–R, Bd. 3: S–Z), Wien, 2002.
Cohen, H. / Carmin, I. J. (Hg.): Jews in the world of science. A biographical dictionary of Jews eminent in the natural and social sciences, New York, 1956.
Freidenreich, H. P.: Female, Jewish, and Educated: The Lives of Central European University Women, Bloomington, Ind., 2002, S. 23, 40, 112.
Geuter, U.: Psychologische Institute, Fachgesellschaften, Fachzeitschriften und Serien, Biographien, Emigranten. Göttingen / Toronto / Zürich, 1986, S. 280.
Gold, H.: Geschichte der Juden in Österreich. Ein Gedenkbuch, Tel Aviv, 1971, S. 166.
Heuer, R.: Bibliographie Judaica. Verzeichnis jüdischer Autoren deutscher Sprache, Bd. 3, Frankfurt/New York, 1988.
Kniefacz, K.: Edith Edith Weisskopf (verh. Weisskopf-Joelson). In: Gedenkbuch für die Opfer des Nationalsozialismus an der Universität Wien 1938, 2014 [http://gedenkbuch.univie.ac.at/index.php?person_single_id=13292]
Schneiderman, H. / Carmin, I. J. (Hg.): Who’s Who in World Jewry. A biographical dictionary of outstanding Jews, New York, 1955.
Stevens, G. /Gardner, S.: The Women of Psychology, Volume II: Expansion and Refinement, Cambridge, Mass., 1982, S. 168–171.
Weisskopf, V.: Mein Leben. Ein Physiker, Zeitzeuge und Humanist erinnert sich an unser Jahrhundert, 1. Auflage, Bern / Wien u. a., 1991.
Weitzel, U.: Psychologinnen in Wien, phil. Diplomarbeit, Universität Wien, 2000, S. 90.
Who’s Who in the Midwest, 6. Auflage, Chicago, 1958.
Who’s Who of American Women, 6. Auflage, Chicago, 1970–1971.
Zubatsky, D. S.: Jewish autobiographies and biographies. An international bibliography of books and dissertations in English, New York/London, 1989.

Quellen

Archiv der Universität Wien (AUW): Philosophische Fakultät (PHIL), Nationale Wintersemester 1929/30 bis Wintersemester 1933/34, Rigorosenprotokoll (RP) Nr. 12796, Rigorosenakt (RA) Nr. 12796 v. 1935 [Curriculum Vitae (CV), Beurteilung der Dissertation]; Medizinische Fakultät (MED), Nationale Wintersemester 1937/38 bis Sommersemester 1938.
Universität Graz, Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich: Österreichische Soziologinnen und Soziologen im Exil 1933 bis 1945 [http://agso.uni-graz.at/webarchiv/agsoe02/soz/oes/index.htm]
University of West Georgia, Irvine Sullivan Ingram Library, Annie Belle Weaver Special Collections, Nachlass Edith Weisskopf-Joelson (1910–1983) [Bestandsübersicht: http://lgdata.s3-website-us-east-1.amazonaws.com/docs/204/20597/Weisskopf_Joelson.pdf].
Wiener Stadt- und Landesarchiv (WStLA), Historische Meldeunterlagen, Auskunft vom 26. März 2014.

BiografieautorIn:

Katharina Kniefacz