Seidel Amalie, geb. Ryba, im Ständestaat von Genossen „Ly“ genannt, nach Lysistrate; Nationalrätin und Arbeiterin

Geb. Wien, 21.2.1876

Gest. Wien, 11.5.1952

Herkunft, Verwandtschaften: Eines von vier überlebenden Kindern (von insgesamt 16) von Jakob und Anna Ryba, die aus Böhmen zugewandert waren. Vater: Schlosser und gewerkschaftlich organisierter Sozialdemokrat, versorgte seine Tochter mit politischer Lektüre und nahm sie zu Versammlungen mit.

LebenspartnerInnen, Kinder: 1. 1895 Heirat mit Richard Seidel (1872-1947), seit 1894 als Konstrukteur bei der Firma Waagner beschäftigt, Sozialdemokrat und Gewerkschafter, NR-Abgeordneter, am 19.4.1934 in das Anhaltelager Wöllersdorf deportiert; 2 Töchter: Emma (*1895), später Lebensgefährtin von Karl Seitz, ehemaliger Wiener Bürgermeister, der nach dem Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 ins KZ Ravensbrück deportiert wurde, nach dem 2. Weltkrieg Heirat, A. S. zog zu ihnen; Olga, jüdischer Ehemann, beide später emigriert; ein Sohn, † USA; 2. 1942 Heirat mit ihrem langjährigen Freund, dem jüdischen Wiener Gemeinderat Siegmund Rausnitz, den sie seit der Zeit im Verein Freie Volksbühne kannte, Heirat als Schutz vor rassistischer Verfolgung. Er nahm sich jedoch am 22.4.1942 gemeinsam mit seiner Schwester das Leben, was ein schwerer Schock für A. S. war.

Ausbildungen: Sieben Klassen Volksschule, ein Jahr Bürgerschule, mit 13 Jahren Abbruch der Schule aus finanziellen Gründen.

Laufbahn: Bereits als Schülerin Näherin in Heimarbeit, Dienstmädchen, 1892, mit 16 Jahren, Beitritt zum Gumpendorfer Arbeiterbildungsverein, Arbeit in der Gumpendorfer Appreturfabrik Heller und Sohn, wo sie den 1. Mai 1893 als arbeitsfreien Tag durchsetzte, am nächsten Tag fristlos entlassen, Kollegen solidarisierten sich und begannen zu streiken, Forderung nach Zehnstundentag und Wiedereinstellung R.s, insgesamt 700 Arbeiterinnen auch aus anderen Fabriken schlossen sich an, erster organisierter Frauenstreik in Cisleithanien, Forderungskatalog von Adelheid Dworak ausgeweitet und am 14. Mai 1893 von den Arbeitgebern angenommen; 1893 wegen zu temperamentvoller Teilnahme an einer Wahlrechtskundgebung zu 3 Wochen Arrest und zum Abschub aus Wien verurteilt, 1894 drei Wochen Arrest, Schriftführerin des am 25.12.1893 gegründeten Lese- und Diskutierclubs für Frauen Libertas, 1897 Mitgründerin einer Konsumgenossenschaft; erst 1900 wieder Auftritte als Rednerin in sozialdemokratischen Versammlungen, Vorsitzende des Margarethner Frauenkomitees, 1903-05 Mitglied der Kontrolle des Parteivorstandes, Delegierte an den Parteitagen 1903, 1907-13. Revisorin des Theatervereins Freie Volksbühne, 1912 Mitgründerin der Genossenschaftlichen Frauenorganisation, Mitglied des Aufsichtsrats der Niederösterreichischen Konsumvereine und des Vorstands der Konsumgenossenschaft Wien; im 1. Weltkrieg aufgrund der Ausnahmegesetze kein öffentliches Auftreten, ab 1916 Mitglied des von Friedrich Adler reaktivierten Vereins „Karl Marx“, im Oktober 1916 behördlich aufgelöst; am 11. November 1917 Rednerin auf der nach Bekanntwerden der russischen Oktoberrevolution einberufenen Versammlung im Wiener Eislaufverein; 1903 und 1920 Auftritt als Rednerin bei Parteitagen, 1927 als eine der drei ständigen Beisitzerinnen des 27köpfigen Parteischiedsgerichts Mitglied der Parteivertretung; 1918-1923 Mitglied des Wiener Gemeinderates, ab 1919 für den 5. Bezirk, 1919-1920 Stadträtin im Fürsorgereferat, seit 1920 erste Vizepräsidentin des Niederösterreichischen Jugendhilfswerks, einer AG von privaten und öffentlichen Fürsorgeeinrichtungen, 1922-1931 Vorsitzendestellvertreterin des Wiener Jugendhilfswerks; 1903-1932 Vorsitzende der sozialdemokratischen Frauenreichskonferenzen, Mitglied des Frauenzentralkomitees von 1931, 1928 Mitglied der Delegation der Frauenkonferenz der Sozialistischen Arbeiter-Internationale; Vorstand der Konsumgenossenschaft Wien; 4.3.1919-31.5.1919 Mitglied der Konstituierenden Nationalversammlung SdP, 10.11.1920-1.10.1930 Abgeordnete zum Nationalrat (I.-III. GP) SdP, 2.12.1930-17.2.1934 Abgeordnete zum Nationalrat (IV. GP) SdP; am 12.2.1934 in ihrer Wohnung verhaftet, bis 30.3.1934 in Haft, zu einer Geldstrafe von 500 Schilling verurteilt, während des Ständestaats war ihre Wohnung wöchentlicher Treffpunkt für etliche weibliche Wiener Abgeordnete. Vom 22.8. bis 2.9.1944 Haft im Landesgericht Wien.

S. befürwortete die Konsumgenossenschaften und war eine Kritikerin des Lasallschen „Ehernen Lohngesetzes“, wonach jede Kaufkraftsteigerung zu Lohnsenkungen führen müsse und engagierte sich parteiintern für die Förderung von Genossenschaften. Im 1. Weltkrieg trat sie, so auf der zweiten Reichskonferenz der österreichischen Sozialdemokratie vom 25. bis 28. März 1916, gegen die Resolution des Parteivorstandes auf, die sich für die Erhaltung der eroberten Gebiete der Mittelmächte aussprach. A. S. ergriff im provisorischen Wiener Gemeinderat von 1918 als erste Frau das Wort. Als Nationalrätin engagierte sich A. S. vor allem in sozialpolitischen Fragen. In ihre Reden mischte sie auch Erfahrungen ihres eigenen Lebens in Armut. Als Vorsitzendestellvertreterin des Wiener Jugendhilfswerks war sie maßgeblich an der Organisierung und Verteilung der internationalen Spenden für die Einrichtung der Jugendfürsorge beteiligt, wie von denen der Amerikanischen Kinderhilfsaktion der Diözese Chicago, des Britischen Hilfswerks und des Argentinisch-Österreichischen Hilfswerks. Einen weiteren Schwerpunkt ihrer Arbeit bildete die Frauenpolitik. Im Polizeiprotokoll 1934 gab sie an, sich wegen ihrer Gesundheit aus der politischen Arbeit zurückgezogen zu haben und von der Militarisierung der Arbeiterschaft nichts gewusst zu haben. Norbert Leser zählte sie in „Werk und Widerhall“ zu den wichtigsten sechs Frauen innerhalb der 50 Großen der Partei. Initiatorin der Kinderfreibäder.

Zitate: Bei einer Festsitzung zu ihrem 70. Geburtstag, die die sozialistische Frauenorganisation 1952 organisierte, resümierte A. S. ihr Leben: „Was ich bin, danke ich ihr (der Partei, Anm.). Aber ich habe ihr zurückgezahlt durch Treue zu unserer Partei“. (AZ, 13.5.1952, zit. nach Hauch)

Qu.: VGA, DÖW, WStLa. Seitz Emma: Amalie Seidel, 1963, unveröffentlichtes Manuskript, in: Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung, Personenarchiv, Amalie Seidel; Protokoll der Dritten Internationalen Frauenkonferenz 1928.

W.: „Der erste Arbeiterinnenstreikt. In: Popp, Adelheid (Hg.): Gedenkbuch. 20 Jahre österreichischen

Arbeiterinnebewegung“ (1912), „Die ersten Arbeiterinnenstreiks. In: Handbuch der Frauenarbeit in Österreich. Hg. von der Kammer für Arbeiter und Angestellte Wien“ (1930)

L.: BLÖF, Boschek 1946, Hauch 1995, Pawlik 1989, Parlamentarierinnen, Politikerinnen in Wien 2000, Seitz 1964, Sporrer 1983, Steiner 1973, Weinzierl 1975, Wikipedia, http://www.demokratiezentrum.org/, www.onb.ac.at/ariadne/