Rostosky Helga Marianne, gesch. Watzke; Journalistin, Lektorin und Redakteurin

Geb. Prag, Tschechoslowakei (Praha, Tschechien), 24.10.1930

Herkunft, Verwandtschaften: Der Vater, Hans Rostosky (geb. 1899 in Pilsen, gest. 1951 in Wien), stammte aus einer alten Offiziersfamilie russisch-polnischen Ursprungs. Sie wurde 1528 in den Adelsstand erhoben, in Folge einer „hervorragenden Tat“. Einer der Vorfahren war Erzbischof von Kiew (1790-1796) während der zweiten und dritten Teilung Polens. Ein Zweig der großen Familie folgte der Aufforderung des Großen Kurfürsten, sich in seinen durch den Krieg entvölkerten Gebieten niederzulassen und in preußische Dienste einzutreten. Zu den bekannt gewordenen Familienmitgliedern zählt der Komponist und Musikwissenschaftler Michael Praetorius („Es ist ein Reis entsprungen…“). Vor allem sind zwei Malerinnen zu erwähnen: Hildegard Rostosky, akademische Porzellanmalerin, und Gertraud Rostosky (geb. 1879 in Riga, gest. 1959 in Würzburg), expressionistische Künstlerin von hoher Eigenständigkeit. Ihr lebenslanger Freund und Gefährte, der Dichter Max Dauthendey, resümiert: „…daß Deine Bilder und Deine Malerei überhaupt von allen malenden Frauen die männlichste, wenn man so sagen darf, und genialste ist.“ Nach ihr ist eine Straße in Würzburg benannt. Besonders bemerkenswert ist auch das Ehepaar Nikita Lobanow-Rostowsky, das die bedeutendste Sammlung russischer Bühnenkunst von 1890 bis 1930 aufbaute, die vor Stalin versteckt und in den Westen gerettet werden konnte.

Die Mutter, Käthe Baierl (geb. 1895 in Alt-Zedlisch bei Tachau, gest. 1969 in Wien), entstammte einer sogenannten sudetendeutschen Lehrerfamilie. Nach dem frühen Tod des Vaters musste seine Witwe ihre sieben Kinder allein aufziehen. Käthe zog mit der Familie nach Pilsen und arbeitete als Korrespondentin. Hier lernte sie Hans Rostosky kennen.

Als überzeugter Pazifist war dieser aus dem Ersten Weltkrieg heimgekehrt. Für das erwünschte Medizinstudium fehlte das Geld, so wurde er Bankbeamter (Böhmische Unionbank in Prag). In seinen politischen Ansichten rückte er nach links und prophezeite: „Falls Hitler an die Macht kommt, gibt es einen Weltkrieg“. Gegen den Faschismus in Deutschland und den drohenden Einmarsch Hitlers gab es in Prag wiederholt Demonstrationen, an denen die Eltern teilnahmen, von der Tochter beobachtet. H. R. wuchs in einem politisch aktiven Umfeld auf und geriet dadurch unter ständigen Druck. Mit Entsetzen und wachsender Angst erlebte sie die Folgen der Nazi-Okkupation. Nacheinander verschwanden viele ihrer Mitschülerinnen und Freunde sowie jüdische Kollegen des Vaters. Als einer der ganz wenigen Deutsch-Prager bekannte sich Hans Rostosky zum „Protektorat Böhmen und Mähren“, obwohl er des Tschechischen kaum mächtig war. Bei der Erstellung des geforderten Arier-Nachweises entdeckte er die jüdische Herkunft seiner Mutter. Er engagierte sich im Widerstand, tauchte zweimal unter. Daher musste H. R. bereits im Volksschulalter mehrmals Wohnort und Schule wechseln, was sich dann in der Gymnasialzeit als belastend ausgewirkt hat. Obwohl „Mischling zweiten Grades“, wurde H. dennoch mit 10 Jahren zum BdM einberufen, doch ein Gefälligkeitsattest von einem befreundeten Arzt verhinderte die Aufnahme (sowohl die Familie Rostosky als auch der Arzt waren Mitglieder der Christengemeinschaft, die sofort nach dem Einmarsch der Deutschen verboten wurde).

Als geborene „Sudetendeutsche“ wurde ihre Mutter Käthe Rostosky automatisch Reichsdeutsche, ebenso die Tochter H. R. 1945, im Chaos der unmittelbaren Nachkriegszeit, kam Käthe deshalb in ein tschechisches Internierungslager, zusammen mit einer jüdischen Freundin, die gerade Ravensbrück überlebt hatte (!). Um die Groteske auf die Spitze zu treiben: Befreit wurde sie von einem tschechischen Arbeiter und ehemaligen Auschwitz-Häftling. Auf die Tochter H. R. hatten all diese Ereignisse eine traumatische Wirkung.

Ein großer Teil der Familie Rostosky wurde ausgesiedelt. Hans Rostosky als bekannter Antifaschist durfte bleiben, aber H. R. wollte in die deutsche Mittelschule gehen, was in der Tschechoslowakei nach dem Krieg nicht mehr möglich war. Die Sechzehnjährige verließ illegal die Heimat und schlug sich allein im Nachkriegs-Wien mühsam durch, um hier die Schule abschließen zu können. Das Geld, das ihr die Eltern über fremde Reisende zukommen ließen, gelangte nicht immer in ihre Hände. Sie hätte altersmäßig die 6. Klasse absolvieren sollen. Es fehlte ihr aber nachkriegsbedingt die 5. Klasse, sodass sie die Prüfungen in allen Gegenständen ablegen musste. 1947 kam die Mutter nach Wien, 1948 auch der Vater. Er verlor dadurch jeden Anspruch aus seiner Tätigkeit in der Unionbank, suchte vergeblich nach Arbeit und starb 51jährig in einem Untermietzimmer.

H. R. maturierte 1950. Ihr Studium, Germanistik und Theaterwissenschaften, finanzierte sie durch Nachhilfeunterricht und freie journalistische Tätigkeit.

1953 heiratete sie den Physiker und Mathematiker Dr. Helmut Watzke; die Ehe wurde 1971 geschieden.

Ihre ursprünglich geplante Dissertation befasste sich mit dem „Untertan im Zeitroman des 2. Kaiserreichs“ und war von Univ.-Prof. Oskar Benda (1886-1954) akzeptiert. Dieser hatte – noch in seiner Funktion als Landesschulinspektor für Wien – 1931 eine der ersten Anti-Nazi-Kampfschriften verfasst und war 1938 nach dem „Anschluss“ seines Postens enthoben worden. Ab 1945 lehrte er bis zu seinem Tod als ordentlicher Professor an der Universität Wien österreichische Literaturgeschichte und allgemeine Literaturwissenschaft. Von ihm ist der Ausspruch überliefert: „Solange ich hier unterrichte, kommen mir keine Nazis herein.“. Nach seinem Tod 1954 übernahm Prof. Moriz Enzinger, der 1945 wegen NS-Zugehörigkeit suspendiert worden war, Bendas Lehrkanzel und lehnte in der Folge viele Arbeiten ab, die Benda angenommen hatte. Auch H. R. musste, obwohl sie ihre Dissertation bereits zur Hälfte ausgearbeitet hatte, auf ein anderes, von Enzinger vorgegebenes Thema umsteigen: „Die soziologische Problematik bei Max Kretzer“.

Sie promovierte 1958 und begann als Verlagslektorin bei Ueberreuter. 1960 ging sie zu Donauland. Dort betreute sie editorisch die sogenannte „Moderne Reihe“, die einen Querschnitt durch die Weltliteratur des 20. Jahrhunderts bot, von Anouilh bis Zuckmayer, von Böll bis Wilder. Eine schwere Erkrankung unterbrach die Verlagsarbeit für Jahre. Es folgten Anstellungen beim Bergland Verlag, bei Zsolnay und beim Österreichischen Bundesverlag.

1973 begann sie, zunächst als Freie Mitarbeiterin, in der Wissenschaftsredaktion des ORF mit der Präsentation von Sachbüchern. Mitgestaltung der täglichen Sendereihe „Umkreis“, die sich vorwiegend mit Umwelt- und Denkmalschutz befasste; Moderation und Redaktion der Sendereihe „Bücherbasar“ und „Plattenbasar“; mehrere Dokumentationen, z. B. über Zivilisationsforschung (mit Norbert Elias), über „Österreich − Trachteninsel Europas“ (mit Gexi Tostmann) oder über Gotthold Ephraim Lessing (mit Ursula Schult und Harald Harth). Von 1983 bis 1988 gestaltete sie für die Kulturredaktion (Leitung: Karl Löbl) das „Schatzhaus Österreich“, präsentiert von Elisabeth Orth. Im „Schatzhaus“ wurden Sammlungen aus Museen, Klöstern und Schlössern vorgestellt. Im Vordergrund standen dabei Kostbarkeiten, die von den Besuchern oft zu wenig beachtet werden, die aber für die Geschichte Österreichs und für viele Geschichten rundum eine wichtige Rolle spielten.

Freunde und Bekannte: Während des Studiums pflegte H. R. Kontakte zu linksorientierten, politisch engagierten Menschen, die fast alle aus der Emigration heimgekehrt waren. Dazu gehörten der Maler Georg Eisler, das Schriftstellerehepaar Fred und Maxie Wander, die Architektin Margarete Schütte-Lihotzky sowie der Gründer und Leiter des Jewish Welcome Service Leon Zelman. Ihre ökologischen Anliegen führten sie mit Bernd Lötsch, Werner Katzmann und Peter Weish zusammen. Für die Limnologin Gertrud Pleskot war sie zeitweise archivarisch tätig. Freundschaftliche Kontakte pflegte sie über das Berufliche hinaus mit Gexi Tostmann und Elisabeth Orth. Ihr Interesse für Kultur, Natur und Gesellschaftspolitik teilt sie mit ihrer Kollegin und langjährigen Freundin Brigitte Vacha.

1988 trat sie in den Ruhestand. Sie gab ihren Wohnsitz in Wien auf und zog sich aufs Land ins südliche Niederösterreich zurück. Hier widmet sie sich verstärkt ihrem lebenslangen Engagement: Umweltschutz, Natur- und Tierschutz (konkret ein vieljähriger Amphibienschutz). Bei ihren Bemühungen scheut sie sich nicht vor Kämpfen mit Vertretern der lokalen Behörden. Sie ist hiefür gut gerüstet – durch ihre aktive Teilnahme an früheren großen Demonstrationen: z. B. gegen Zwentendorf und für die Hainburger Au oder gegen Fremdenhass (Lichtermeer). Mit dem Ausspruch Friedrich von Weizsäckers „Alles ist verloren, wenn wir entschlossen sind, auf nichts zu verzichten“ findet sie ihre Lebensanschauung auf den Punkt gebracht.

 

Autorin der Biografie: Helga Rostosky