Pirker Lotte (Karoline), geb. Schneider; Bezirksrätin und Schriftstellerin
Geb. Marienbad, Böhmen (Mariánské Lázně, Tschechien), 11.8.1877
Gest. Wien, 6.12.1963

Herkunft, Verwandtschaften: Mutter: Anna Brem, Vater: Dr. Franz Schneider (gestorben 1907), jüngerer Bruder.

LebenspartnerInnen, Kinder: Friedrich Pirker (10.7.1870 – 1938); Sohn Renatus Rudolf Pirker (6.4.1904 – 10.12.1982).

Am 11. August 1877 wurde Karoline (Lotte) Schneider in Marienbad als Tochter einer wohlhabenden Juristenfamilie – ihr Vater stieg bis zum Landesgerichtsrat auf – geboren. Im Alter von 6 Jahren übersiedelte sie mit den Eltern und dem jüngeren Bruder nach Karlsbad. Sie besuchte die Bürgerschule und erhielt auch Privatunterricht. Ihre künstlerischen Talente wurden gefördert: Malerei, Klavier, Literatur und Schauspiel. Außerdem war sie eine begeisterte Sportlerin: sie fuhr Rad, ging Eislaufen, spielte Tennis und legte sogar die Schwimmmeisterprüfung ab. In München studierte sie zwei Jahre lang Malerei an der Staatsgewerbeschule, wo sie auch mit der Frauenbewegung in Kontakt kam. Sie lernte Rosa Luxemburg kennen, die sie sehr beeindruckte und einen Vortrag über die Gleichberechtigung der Frau hielt. Lotte Pirker nahm an einer Demonstration für das Recht der Frauen, ebenso wie Männer in öffentlichen Lokalen rauchen zu dürfen, teil. Bei den Atelier-Faschingsfesten trat sie als Moritatensängerin auf und erhielt eine Einladung im Gärtnertheater vorzusprechen, was sie jedoch wegen der zu geringen Gage ablehnte.

In Pilsen, wohin Lottes Vater inzwischen versetzt worden war, lernte sie den Offizier Friedrich Pirker kennen. 1902 erfolgte die Heirat, die Hochzeitsreise ging in die USA. Sie verarbeitete ihre Eindrücke von dieser und den folgenden Reisen in Gedichten, Reiseberichten und Lichtbildvorträgen. (…Wasser des Niagara! Unvergessliche Pracht! Oft noch seh ich euch stürzen Ins Bodenlose der Nacht.)

Nach der Geburt des Sohnes Renatus Rudolf 1904 zogen Lotte und Friedrich Pirker auf ein Landgut in Südböhmen, das ihnen Lottes Vater geschenkt hatte. Innerhalb von drei Jahren war das Gut samt dazugehöriger Bierbrauerei verwirtschaftet und musste verkauft werden. Die Familie übersiedelte nach Wien, wo Friedrich eine zivile Staatsanstellung im Eisenbahnministerium annahm. Lotte besuchte eine Schauspielschule und war an verschiedenen kleinen Bühnen beschäftigt. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde Friedrich eingezogen, schwer verletzt und kam in russische Gefangenschaft, aus der er 1918 heimkehrte.

Lotte Pirker war nach Kriegsende der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei beigetreten und war von 1919 bis 1934 als Bezirksrätin im 13. Wiener Gemeindebezirk tätig. Sie veröffentlichte Grotesken in Zeitungen, verfasste Lyrik und dramatische Szenen und hielt viele Lichtbildvorträge für die Bildungszentrale in ganz Österreich. Auch bei den Frauentagsfeiern in der Provinz war sie voll Begeisterung dabei. Später verlegte sie ihren Schwerpunkt auf die Unterrichtsorganisation. Innerhalb der Sektion betreute sie als Referentin der Bildungszentrale Bibliotheken, künstlerische Veranstaltungen – bei denen sie auch selbst als Darstellerin auftrat – Festkultur und den Vertrieb von Theaterkarten. Schließlich wurde sie die Verantwortliche in der Partei für künstlerische Abende. Eine ihrer liebsten Tätigkeiten war die Versorgung der Altersheime mit künstlerischen Darbietungen, wofür sie von Stadtrat Breitner und Prof. Tandler gelobt wurde. 1934 zog sie sich aus dem politischen Leben zurück.

Pirkers umfangreiches literarisches Werk umfasst Gedichte, Dramen, Märchen, Reiseberichte aber auch feministische Aufsätze.

Das geraubt Ich und andere Grotesken“ erschien erstmals 1925 und war wohl ihr bekanntestes Werk; die Umschlagzeichnung zum Buch wurde vom bekannten österreichischen Künstler Carry Hauser erstellt. Ihr Stück “Struwwelpeter. Ein Märchenspiel in drei Akten“ wurde ein großer Erfolg und wurde nicht nur in Wien sondern auch in zahlreichen Städten der Bundesländer aufgeführt.

1957 erschien eine Auswahl ihrer Gedichte unter dem Titel „Blüten vom Lebensbaum“ anlässlich ihres 80. Geburtstages.

Von ihren Reisen nach Nordamerika, Afrika und Italien brachte sie zahllose Aufzeichnungen in Tagebuchform mit, die sie bei ihren Lichtbildvorträgen verwendete. Ein Schwerpunkt war dabei das Thema der Frauen in anderen Ländern. In einem Text über afrikanische Frauen untersucht sie detailliert Unterschiede und Gemeinsamkeiten innerhalb von 25 Stämmen („Afrikanische Frauen“). Weitere Titel waren: „Unsere dunkelhäutigen Schwestern in Australien und Afrika“ oder „Die Frau bei den Naturvölkern“. In einem 23-seitigen handgeschriebenen Manuskript setzt sie sich mit der Menschheitsgeschichte aus Perspektive der Frau von der Steinzeit bis in die Neuzeit auseinander: „Der Leidensweg der Frau oder Schwester wach auf“. Ihre Texte mit feministischem Schwerpunkt trug sie regelmäßig bei den sozialdemokratischen Frauenversammlungen sowie bei der Frauenorganisation Krochwitz vor.

Nach dem Zweiten Weltkrieg betätigte sich Lotte Pirker innerhalb der Kommunistischen Partei für kulturelle Angelegenheiten, vor allem für die Themen Frieden und Frauenrechte.

Am 16. Dezember 1963 starb Lotte Pirker: beim Tisch sitzend war sie beim Ordnen alter Fotos und Ansichtskarten eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht.

Lotte Pirker war Mitglied der „Vereinigung sozialistischer Schriftsteller“.

Werke (Auswahl):

Das geraubte Ich. Grotesken. Mit einer Umschlagzeichnung von Carry Hauser. Wien 1925 (Neuauflage 1997)

Blüten vom Lebensbaum. Gedichte. Wien 1957

Literatur und Quellen:

Wiener Stadt-Landesbibliothek: Teilnachlass Lotte Pirker

Renatus Rudolf Pirker: Biographie der Schriftstellerin Lotte Pirker. Wien 1966

Das Leben war ein buntes Kaleidoskop. In: Hannes Stekl (Hrsg.): „Höhere Töchter“ und „Söhne aus gutem Haus“. Wien 1999. S. 127-144

Peter Eigner und Günter Müller (Hrsg.): Hungern – Hamstern – Heimkehren. Erinnerungen an die Jahre 1918 bis 1921, Wien (u.a.) 2017. S. 93-106

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Autorin der Biografie: Gerda Königsberger