Jochmann Rosa, Decknamen: Josefine Drechsler, Frau Friedrich; Arbeiterin, Gewerkschafterin, Politikerin und Widerstandskämpferin

Geb. Wien, 19.7.1901
Gest. Wien, 28.1.1994

R. J. wurde 1901 als Tochter der Wäscherin Josefine Jochmann und des Eisengießers Karl Jochmann in Wien-Brigittenau geboren. Der Vater war Sozialdemokrat, die Mutter überzeugte Katholikin. Bald nach ihrer Geburt übersiedelte die Familie nach Simmering. Mit vierzehn Jahren trat sie als Saisonarbeiterin in die Süßwarenfabrik Schmidt & Söhne ein, danach arbeitete sie in den Simmeringer Draht- und Kabelwerken „Ariadne“, anschließend in der Seifensiederei „Apollo“. Bald trat sie der Gewerkschaft bei und wurde aufgrund ihres couragierten Eintretens für die Interessen der Belegschaft in den Ausschuss des Verbandes der Chemiearbeiter berufen. Von ihrer Gewerkschaft in die Firma Auer (Erzeugung von elektrischen Maschinen und Apparaten) entsandt, wurde sie 1919 Betriebsrätin und 1920 Betriebsratsobmann. 1926 absolvierte sie den ersten Lehrgang der Arbeiterhochschule, wo sie von führenden Persönlichkeiten der Sozialdemokratie wie Friedrich Adler, Otto Bauer und Robert Danneberg unterrichtet wurde. Im Anschluss daran war sie im Sekretariat des Verbandes der Chemiearbeiter tätig. In dem von Käthe Leichter initiierten, 1930 von der Wiener Arbeiterkammer herausgegeben „Handbuch der Frauenarbeit in Österreich“ verfasste sie einen Beitrag zur Lage der Arbeiterinnen in der Chemischen Industrie. Darin wies sie auf die gesundheitsgefährdenden Arbeitsbedingungen in diesem Industriezweig hin. Im November 1931 wurde sie ins Frauenzentralkomitee der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei gewählt, im Jahr darauf erfolgte ihre Berufung als Reichssekretärin ins Frauensekretariat. Auf dem letzten Parteitag vor der Illegalisierung der SDAPÖ im Oktober 1933 wurde R. J. in den Parteivorstand delegiert. Nach den Februarkämpfen 1934 gehörte sie dem Zentralkomitee der als „Revolutionäre Sozialisten“ in der Illegalität reorganisierten sozialistischen Bewegung an und übernahm die Funktion einer Kreisleiterin von Niederösterreich. Während eines Einsatzes in Wiener Neustadt wurde sie verhaftet und anschließend zu drei Monaten Polizeihaft und einem Jahr schweren Kerkers verurteilt. Nach ihrer Entlassung im November 1935 war sie als Kreisleiterin in Wien tätig und widmete sich der Unterstützung politischer Häftlinge.

Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Dritte Reich übernahm R. J. zunächst die Betreuung der kranken Adelheid Popp bis zu deren Tod. Am 22. August 1939 wurde sie von der Gestapo verhaftet und am 21. März 1940 als Schutzhäftling ins Konzentrationslager Ravensbrück eingeliefert. Als Blockälteste im „Politischen Block“ war es ihr möglich, Einfluss auf die Besetzung wichtiger Positionen der Lagerverwaltung mit verlässlichen Mitgefangenen nehmen und so das Widerstandsnetz zu festigen. Durch einen geschickten Balanceakt zwischen äußerlicher Anpassung und großer Menschlichkeit gegenüber ihren Mithäftlingen gelang es ihr, einen Musterblock zu führen, auf dem ein solidarisches, geordnetes Zusammenleben praktiziert wurde. Im April 1943 wurde R. J. zu fünf Monaten verschärfter Bunkerhaft verurteilt, die sie großteils in völliger Dunkelheit zubringen musste. Danach wurde sie als Blockälteste abgesetzt. Eine Typhuserkrankung Ende 1944 überstand sie aufgrund der Pflege durch ihre Kameradinnen. Während des Evakuierungsmarsches im April 1945 flüchtete sie und kehrte in das mittlerweile von der Roten Armee befreite Lager zurück, wo sie den Rücktransport der Österreicherinnen organisierte.

Unmittelbar nach ihrer Heimkehr nahm R. J. ihre politische Tätigkeit wieder auf. Auf der ersten Frauenzentralkonferenz der SPÖ in der Zweiten Republik im Dezember 1945 wurde sie in ihrer Funktion als Frauenzentralsekretärin bestätigt, 1959 wurde sie Vorsitzende der Frauenorganisation und war Delegierte zum internationalen Frauensekretariat. Am ersten Parteitag der SPÖ im Dezember 1945 wurde sie wieder in den Parteivorstand gewählt. Ebenfalls ab 1945 gehörte sie dem Nationalrat an. Als Abgeordnete und Leiterin des Opferfürsorgereferats der SPÖ engagierte sie sich besonders für die Entschädigung der Opfer des Nationalsozialismus und für die Erstreckung des 1947 verabschiedeten und mehrfach novellierten Opferfürsorgegesetzes auf weitere Opfergruppen. Ein persönliches Anliegen war ihr auch die Rückholung der Emigranten. Ab 1959 bekleidete sie die Funktion einer Stellvertretenden Parteivorsitzenden. In ihrem Heimatbezirk Simmering war sie von 1959 bis 1966 Zweiter Bezirksobmann der SPÖ. 1967 schied sie aus allen Parteiämtern aus. Sie war Mitglied der 1947 gegründeten Österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück, deren 1. Vorsitzende sie von 1984 bis 1994 war, sowie Gründungsmitglied des 1948 ins Leben gerufenen Bundes Sozialistischer Freiheitskämpfer (später Bund Sozialistischer Freiheitskämpfer und Opfer des Faschismus), dessen Vorsitz sie bis 1990 innehatte. Dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes gehörte sie als Vorstandsmitglied und Vizepräsidentin an. Als Zeitzeugin berichtete sie seit 1980 in Schulen, Bildungsstätten und in den Medien über ihre Erfahrungen im Konzentrationslager und mahnte zu einem schärferen Vorgehen gegen neonazistische Umtriebe. Sie war Trägerin zahlreicher Ehrungen und Auszeichnungen, u.a. des Silbernen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich, des Ehrenzeichens für Verdienste um die Befreiung Österreichs sowie des Verdienstkreuzes I. Klasse der Bundesrepublik Deutschland. R. J. starb 1994 in Wien und wurde in einem Ehrengrab am Zentralfriedhof beigesetzt. Sie gilt als Symbolfigur für den Kampf gegen den Faschismus über die Grenzen ihrer Partei hinaus. Nach R. J. sind unter anderem eine Parkanlage in Wien-Leopoldstadt sowie eine Verkehrsfläche und eine städtische Volksschule in Wien-Simmering benannt.

W.: „Die Arbeiterin in der chemischen Industrie, in: Kammer für Arbeiter und Angestellte in Wien (Hg.), Handbuch der Frauenarbeit in Österreich“ (1930), „Waschek, Hans (Hg.): Rosa Jochmann. Ein Kampf, der nie zu Ende geht. Reden und Aufsätze“ (1994)

L. u. a.: Amesberger/Lercher 2008, Berger 1987, Dokumentationsarchiv 1998, Reiter 1997, Schwarz 1989, Sporrer/Steiner 1983, Steffek 1999, http://www.doew.at/erinnern/biographien/erzaehlte-geschichte

Christine Kanzler