Gavrić Lisa, geb. Bechmann; Politische Funktionärin und Widerstandskämpferin

Geb. Wien, 31.7.1907

Gest. Dubna bei Moskau, Russland, 22.6.1974

L. G. wird am 31. Juli 1907 in Wien als Tochter der kleinbürgerlichen Familie Bechmann geboren. Gemeinsam mit ihrer Schwester Trude knüpft sie Kontakte zu kommunistischen Jugendlichen. Sie verlässt 1927 ihr Elternhaus, um nach Paris zu übersiedeln. Dort arbeitet sie für eine Manufaktur und lernt den jugoslawischen Kommunisten Milan Gavrić kennen. Die beiden heiraten 1929, im selben Jahr wird die Tochter Inge geboren. Die Wohnung der Familie wird zu einem konspirativen Zentrum für die aus Jugoslawien emigrierten KommunistInnen. 1930 übersiedelt die Familie auf Aufforderung der Kommunistischen Jugoslawischen Partei nach Tuzla (Bosnien). Das diktatorische Regime unterdrückt jede Opposition; KommunistInnen werden besonders hartnäckig verfolgt. Trotzdem bildeten sich überall im Land illegale kommunistische Zellen. Milan Gavrić wird Sekretär der KP-Leitung in Tuzla. L. G. arbeitet ebenfalls für die Kommunistische Partei. Sie ist Kontaktperson zu der KPJ-Organisation in Wien. Durch einen Spitzel werden viele der kommunistischen Organisationen in Bosnien enttarnt und ihre Mitglieder wegen Hochverrates angeklagt. Auch Milan Gavrić wird verhaftet, kann aber aus dem Gefängnis flüchten und kämpft später als Mitglied der Partisanen gegen die deutsche Besatzungsarmee. Nach 1945 ist er als Journalist tätig; er stirbt 1982.

L. G. und ihre Tochter werden aus Jugoslawien ausgewiesen und kommen Anfang 1934 in das Wien des Austrofaschismus und des Bürgerkrieges. L. G. kann hier die illegale Arbeit für die Kommunistische Partei fortsetzen, sie hält den Kontakt zwischen der KPÖ und der KPJ aufrecht und wird im Auftrag der Partei nach Paris geschickt, wo sie für die französische KP tätig ist. 1936, nach dem Francoputsch, lässt sich L. G. als Krankenschwester ausbilden, um am Spanischen Bürgerkrieg teilzunehmen. Sie ist in einem Lazarett tätig, bis die Internationalen Brigaden aus Spanien abgezogen werden. Ihre Tochter wird 1937 durch Vermittlung der Roten Hilfe in die Sowjetunion in das Internationale Kinderheim von Iwanow gebracht.

Nach einem kurzen Aufenthalt in Paris wird L. G. nach Südfrankreich ausgewiesen und muss einige Zeit im Internierungslager Gurs verbringen. 1941 soll sie im Auftrag der KPÖ nach Österreich zurückkehren, doch die Rückkehr wird ihr seitens der französischen Regierung verweigert. Daraufhin nimmt sie mit der Résistance Kontakt auf und wird zur sogenannten „Mädelarbeit“ eingeteilt. Sie übernimmt in Paris die „Mädel-Gruppen“ von Gerty Schindel. Aufgabe der österreichischen Frauen und Mädchen in diesen Gruppen war es, jeweils zu zweit Kontakt mit Soldaten aufzunehmen, deren Gesinnung zu beeinflussen und ihnen Flugblätter für die Weiterverteilung zu übergeben, um so Agitation gegen den Krieg zu betreiben. Diese gefährliche und belastende Arbeit führt L. G. bis Ende 1943 aus, dann wird sie, gemeinsam mit anderen GenossInnen nach Wien entsandt, um hier als französische Fremdarbeiterin mit falschem Pass ihre Widerstandstätigkeit fortzusetzen. Sie wird enttarnt, im Juni 1944 verhaftet und nach Ravensbrück deportiert. L. G. kann nach sechs Monaten Lagerhaft mit Hilfe des von Mela Ernst geleiteten illegalen Lagerkomitees als Französin „Louise Desmeth“ in einen Transport des Schwedischen Roten Kreuzes geschmuggelt werden.

Nach einer Erholungspause in Schweden kehrt sie nach Österreich zurück und ist für die KPÖ sowohl als Generalsekretärin der Gesellschaft für Österreichisch-Jugoslawische Freundschaft als auch in der Abteilung für Frauenarbeit in Wien tätig.

Ende 1948 übersiedelt sie nach Belgrad, wo sie als Chefredakteurin der Zeitschrift „Schaffende“ wirkt, als Kommentatorin der deutschen Redaktion von Radio Jugoslawien tätig ist und deutsche Fachleute im Zentralrat der Gewerkschaften als Instrukteurin betreut. Kurz vor ihrer Pensionierung arbeitet sie im Belgrader Institut für Probleme der internationalen Wirtschaft und Politik.

Während eines Besuches bei ihrer Tochter, die in der UdSSR lebt, stirbt L. G. am 22. Juni 1974 in Dubna bei Moskau.

W.: „Die Straße der Wirklichkeit. Bericht eines Lebens“ (1984)

L.: Dokumentationsarchiv 1984a, Landauer 2003, Rombach 2006, Spiegel 1969, Tidl 1983

 

Karin Nusko