Fonatsch, Christa

* 4.4.1943, Grau, Stmk.
Humangenetikerin

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Ch. F. wurde am 4. April 1943 in Graz geboren. Sie verbrachte die letzten Kriegsjahre zusammen mit ihren Eltern und ihrem zwei Jahre älteren Bruder auf dem Land, was ihrer Sprache gelegentlich noch anzumerken ist. Ihre Großmutter hatte nach dem frühen Tod des Großvaters die Leitung der familieneigenen Fleisch- und Wurstfabrik übernommen und den Eltern Fonatsch oblag die Führung der Geschäftsfiliale in der Herrengasse in Graz. So musste die Familie in und nach dem Krieg keinen Hunger erleiden, sondern konnte auch noch Nachbarn und Freunde mit Fleischwaren versorgen. Dies führte zu einem besonderen Zusammenhalt im Freundeskreis, der sich auch noch auf die nachfolgenden Generationen auswirkte und bis heute intensiven Bestand hat. Als Lieblingsenkel ihrer Großmutter wurde sie oft auf Geschäftsfahrten und zu Geschäftsessen mitgenommen, und es schien ihr Lebensweg als Nachfolgerin der Großmutter vorprogrammiert. Aber es sollte anders kommen. Ch. F. besuchte das Gymnasium der Ursulinen in Graz. Sie liebte die Schule und das Lernen, besonders Literatur und Latein. Sie war gleichermaßen beliebt bei Lehrern und Mitschülerinnen ob ihrer Intelligenz, ihres frechen Witzes und Humors, ihrer Toleranz sowie ihrer großen Hilfsbereitschaft. So konnte − dank ihrer Nachhilfestunden − Klassenkameradinnen die Wiederholung des Schuljahres erspart werden. Sie war lange Jahre Klassensprecherin. Der Klassenzusammenhalt war einmalig in der Geschichte dieser Schule, wurde aber nicht immer positiv bewertet, bes. wenn es um ’kollektive Verweigerungen’ oder Demonstrationen ging. So mussten häufig harte Strafen in Kauf genommen werden, wie das Streichen der Klassenfahrten nach Wien und Rom oder des Maturaballs. Noch heute treffen sich die damaligen Schulkolleginnen alle zwei Monate.

Ch. F. maturierte 1961 mit Vorzug. Trotz ihrer großen Liebe für die Literatur entschloss sie sich für das Studium der Biologie und Philosophie. Sie studierte in Graz und Würzburg und promovierte 1968 zum Dr.phil. über das Thema „Wendereaktionen der Biene“ bei Prof. Heran, einem Schüler von Karl von Frisch. Eine erste Anstellung fand sie bei Prof. Rosenkranz am Institut für Medizinische Biologie und Humangenetik der Universität in Graz. Während eines Forschungsaufenthaltes bei Prof. Alfred Gropp am Pathologischen Institut der Universität Bonn verfeinerte sie ihre Kenntnisse in der Zytogenetik und Meiose. Prof. Gebhard Flatz von der Bonner Kinderklinik, der gerade an die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) berufen worden war, um dort ein Institut für Humangenetik aufzubauen, bot ihr daraufhin an, bei ihm ein Labor für Zytogenetik zu etablieren und zu leiten. Sie akzeptierte schweren Herzens und verließ am 1. Januar 1973 ihre geliebte Heimat, Familie und Freunde, weil sie wusste, dass sie eine Chance auf eine berufliche Karriere eher in Deutschland als in Österreich haben würde. An der MHH gelang es ihr, auf dem damals neuen Gebiet der vorgeburtlichen Diagnostik eines der bundesweit besten Labors für prä- und postnatale Zytogenetik aufzubauen. In der Forschung begann sie mit zytogenetischen und histologischen Untersuchungen zum Einfluss von Mutagenen auf die Meiose und Keimzellbildung der Maus und zum Schwesterchromatid-Austausch, Projekte, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Bundesministerium für Forschung und Technologie (BMFT) gefördert wurden. 1981 habilitierte sie sich für Humangenetik mit einer Habilitationsschrift zum Thema „Schwesterchromatidaustausch“.

Schicksalhaft für ihren späteren Berufsweg waren jedoch die morgendlichen Liftfahrten in der MHH. Sie traf dort regelmäßig auf die Hämatologen, die in der Etage über der Humangenetik residierten. Hierunter war auch Volker Diehl, der spätere Leiter der Klinik für Hämatologie und Onkologie der Universität Köln. Er versuchte ihr die zytogenetischen Untersuchungen seiner einzigartigen Zelllinien von Hodgkin-Patienten schmackhaft zu machen – mit Erfolg. Dies war der Beginn der Tumorzytogenetik in der deutschen Humangenetik, also der Untersuchung erworbener, tumorinhärenter zytogenetischer Auffälligkeiten − im Gegensatz zu den angeborenen konstitutionellen Chromosomenanomalien, wie z. B. die Trisomie 21 beim Down-Syndrom, mit denen sich die deutsche Humangenetik bislang beschäftigt hatte.

Kooperationen mit anderen Hämatologen, zunächst aus der MHH, später auch aus anderen bundesdeutschen Kliniken schlossen sich an. Der Bedarf an tumorzytogenetischen Untersuchungen war geweckt, nachdem Janet Rowley in den USA die Philadelphia-Translokation, die die Chromosomen 9 und 22 betrifft, in den Tumorzellen der chronischen myeloischen Leukämie (CML) und Lore Zech in Schweden die 8;14-Translokation beim Burkitt-Lymphom als krankheitsverursachend beschrieben hatten und nachdem − auch durch die Arbeiten von Ch. F. − die Bedeutung des Chromosomenstatus bei Leukämien und Lymphomen für die Diagnose, für die Stadieneinteilung, für die Vorhersage des Krankheitsverlaufs und letztendlich für die Therapie immer deutlicher wurde.

1983 wurde Ch. F. auf eine C3-Professur an das Institut für Humangenetik der Medizinischen Universität nach Lübeck (MUL) (Leiter: Prof. Eberhard Schwinger) berufen. Sie baute dort, neben ihrer humangenetischen Patientenversorgung und Lehrtätigkeit, eine tumor-zytogenetische Arbeitsgruppe auf, die − beginnend mit 1 1/2 Planstellen − schließlich 18, über Drittmittel finanzierte Mitarbeiter, darunter 8 Wissenschafter, umfasste. Die Gruppe war inzwischen in die deutschen multizentrischen Therapiestudien zur akuten myeloischen und akuten lymphatischen Leukämie als zentrale zytogenetische Untersuchungsstelle eingebunden. 1985 erlangte sie – obwohl Biologin – einen Krankenkassenvertrag für tumorzytogenetische Untersuchungen.

1988 erhielt sie einen Ruf auf eine C3-Professur für Humangenetik an die Ludwig-Maximilians-Universität nach München. Nach erfolgreichen Bleibeverhandlungen mit dem Schleswig-Holsteinschen Wissenschaftsministerium, die ihr den Neubau eines großen Laborpavillons im Garten der Lübecker Humangenetik sowie Planstellen einbrachten, sagte sie den Ruf nach München ab. Auch berufspolitisch war Ch. F. aktiv. Von 1983 (bzw. 1988) bis 1995 war sie Mitglied der Professoren-Kurie und stellvertretende Frauenbeauftragte der MUL. Von 1987 bis 1998 war sie Mitglied verschiedener Kommissionen der Deutschen Ärztekammer zur Abfassung von Richtlinien „Zur Wahrung ethischer Grundsätze in der Reproduktionsmedizin“, „Zur Forschung an menschlichen Embryonen“, „Zur Gentherapie“ (federführend) und „Zur prädiktiven Krebsdiagnostik“. Von 1983 bis 1991 war sie Vorstandsmitglied des Berufsverbandes Medizinische Genetik, von 1987 bis 1994 erste stellvertretende Vorsitzende der deutschen Gesellschaft für Humangenetik (GfH) und von 1994 bis 2004 Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der GfH.

1995 erhielt Ch. F. den Ruf auf eine C4-Professur mit eigenem tumorgenetischen Institut in Lübeck und gleichzeitig einen Ruf als Direktorin des Institutes für Allgemeine Biologie der Universität Wien. Dort sollte sie eine Humangenetik aufbauen, die – im Gegensatz zu Graz und Innsbruck − bis dahin in Wien nicht existiert hatte. Die Entscheidung fiel ihr sehr schwer. Einige Kollegen, wie Prof. Hartwig Cleve, Leiter der Humangenetik München, rieten ihr zu Wien „Du gehörst dorthin“, andere wie Prof. Marco Fraccaro, Leiter der Humangenetik Pavia, warnten sie, dass sie – auch nicht als Österreicherin – nach 23 Jahren Deutschland in dem geschlossenen System einer Wiener Universität nicht mehr Fuß fassen würde. Sie unterschätzte diese Warnung und entschied sich für die Heimat und die Nähe zu ihrer Familie und ihrem Freundeskreis in Graz. Sie kam mit großen Erwartungen und Projektplänen nach Wien und wollte hier − nach deutschem Muster − ein auf Kooperation und Einbindung mehrerer Kliniken beruhendes und für Europa einmaliges wissenschaftliches Schwerpunktprogramm für familiäre (erbliche) Krebserkrankungen einrichten. Entsprechende Forschungsanträge hatte sie bereits in der Tasche, aber die für das Projekt erforderliche Kooperation mit unterschiedlichen Kliniken kam nicht zustande. Wohl gelang ihr jedoch der Aufbau einer Humangenetik, die die prä- und postnatale Zytogenetik, die Tumorzytogenetik, die Molekulargenetik mit Schwerpunkt Neurofibromatose, Brust- und Darmkrebs sowie die Genetische Beratung umfasste. Sie konnte fähige MitarbeiterInnen rekrutieren, die sich z. T. bei ihr habilitierten. Mit den universitären und außeruniversitären österreichischen Hämatologen und Onkologen konnte sie eine enge Zusammenarbeit aufbauen. Zu erwähnen ist, dass sie an der MedUniWien als erste einen Abschluss eines Krankenkassenvertrages für humangenetische Leistungen einschließlich der Tumorzytogenetik erzielte. Die Umbenennung des Instituts, zunächst in ein „Institut für Medizinische Biologie “, dann in ein Institut für Humangenetik sowie die Bewilligung mehrerer Forschungsprojekte über den Fonds für Wissenschaftliche Forschung (FWF) und den Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank waren ihr möglich. Besondere Bedeutung kam ihrer Rolle als „lead participant“ für Zytogenetik in dem von der EU geförderten „European Leukemia Net“ zu. Sie beteiligte sich am Aufbau des neuen Medizinischen Curriculums für die Lehre und am Aufbau und der Leitung des Blockes 16 (Säugling, Kindheit und Jugend). Als Mitglied der Professorenfraktion „Forum Medizin“ war sie von 2003 bis 2010 Senatsmitglied der MedUniWien, von 2006 bis 2010 stellvertretende Senatsvorsitzende sowie Mitglied zahlreicher universitärer Kommissionen. Und sie war Mitbegründerin des Professorinnen-Clubs an der MedUniWien und von 2004 bis 2010 Stellvertreterin der österreichischen Gesellschaft Humangenetik in der Ethik-Kommission der GfH. Aber ihre Erfolge weckten auch Begierden. Ein in Gesellschaft, Politik und Medien gut vernetzter Nachfolger scharrte schon in den Startlöchern. Daraus resultierende Restriktionen seitens der Leitung der MUW, die Sperrung von Mitteln und Institutsstellen, zwangen sie schließlich, 2010 − ein Jahr vor ihrer Emeritierung − sich dem „major power play“ zu beugen. Ein zu ihrem Abschied organisierter österreichischer Humangenetik-Kongress in Wien, zu dem viele Ordinarienkollegen aus Europa – einschließlich Lore Zech aus Schweden − angereist waren und auf dem all ihre Schüler, wie Alice Fabarius aus Mannheim, Detlef Haase aus Göttingen, Harald Rieder aus Düsseldorf, Susanne Schnittger und Claudia Schoch-Haferlach aus München sowie Katharina Wimmer aus Innsbruck sie mit grandiosen Vorträgen würdigten, bildeten den krönenden Abschluss ihrer wissenschaftlichen Laufbahn. 2007 wurde ihr von der „International Academy for Comparative Research on Leukemia and Related Disorders“ der „Charlotte Friend Memorial Lecture-Award“ verliehen. 2013 wurde sie als erste ÖsterreicherIN Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO)*. 2012 wurde sie zur Universitätsrätin der Medizinischen Universität Innsbruck gewählt, eine Tätigkeit, die sie mit großer Freude, Einsatz und Engagement für die Interessen der MedUniInnsbruck ausübt. Aus ihrer Schule gingen namhafte Tumor(zyto)genetiker hervor, wie u. a. Prof. Dr. Alice Fabarius, Leiterin des tumorzytogenetischen Labors der Klinik für Hämato-Onkologie Mannheim, Prof. Dr. Detlef Haase, Professor und Oberarzt, sowie Laborleiter an der Klinik für Hämato-Onkologie der Universität Göttingen, Prof. Dr. Harald Rieder, C3-Professor am Institut für Humangenetik in Düsseldorf, Prof. Dr. Susanne Schnittger und Prof. Dr. Claudia Schoch-Haferlach, Mitbegründerinnen des international hoch renommierten und weltweit größten Leukämie-Labors in München (MLL), Prof. Dr. Katharina Wimmer, Leiterin des tumorgenetischen Labors am Institut für Humangenetik der Medizinischen Universität Innsbruck und Prof. Dr. Rotraud Wieser, leitende Mitarbeiterin der Labors der Klinik für Innere Medizin I der MedUniWien.

Die wissenschaftlichen Aktivitäten von Ch. F. konzentrierten sich seit ihrer Hannoveraner Tätigkeit in Kooperation mit den deutschen Hämatologen und Onkologen auf die Tumorzytogenetik, deren zentrale Durchführung in Einzelprojekten oder multizentrischen Therapiestudien ihr oblag und die auf die Bedeutung spezifischer Chromosomenanomalien für die Subklassifikation, Prognose und Therapierbarkeit von hämatoonkologischen Erkrankungen ausgerichtet war.

1. In Kooperation mit Prof. Volker Diehl aus Hannover, einem international hochrenommierten Hodgkin-Lymphom-Spezialisten und späteren Direktor der Klinik für Hämatologie und Onkologie der Universität Köln, konnte Ch. F. aufzeigen, dass im Hodgkin-Lymphom die Chromosomen 1, 7 und 14 auffallend häufig in allerdings unterschiedliche Aberrationen involviert sind. Es sollte sich bei weiteren Untersuchungen herausstellen, dass Hodgkin-Lymphome vom B-Zelltyp häufig Rearrangements des in 14q32 lokalisierten Immunglobulinschwerketten-Gens zeigen. Darüber hinaus konnte sie sowohl in Hodgkin-derivierten Zelllinien, als auch in primären Hodgkin-Sternberg-Reed-Zellen eine Überexpression des in 7q22-31 lokalisierten MET-Onkogens nachweisen. Diese, wie auch nachfolgende Untersuchungen trugen zum Verständnis von Ursache und Pathogenese von Hodgkin- und Non-Hodgkin Lymphomen bei, indem − ausgehend von der Lokalisation von in die Aberrationen involvierten chromosomalen Bruchereignissen − Gene lokalisiert und Genmutationen identifiziert werden konnten, die für die Entstehung und den Verlauf der Tumorerkrankung bestimmend sind.

2. Für bestimmte Leukämie-Typen wurden neue Therapiemodalitäten kreiert und deren Effekt auch mittels Tumorzytogenetik überprüft. Hieraus ergab sich eine Studie in Zusammenarbeit mit Prof. Mathias Freund aus Hannover, später Leiter der Universitätsklinik für Hämatologie und Onkologie in Rostock, zu seinen mit Interferon behandelten Patienten mit chronisch myeloischer Leukämie (CML). In diesem Zusammenhang konnte aufgezeigt werden, dass die bekannten, zusätzlich zur Philadelphia-Translokation, bei etwa 20% der CML-Patienten in chronischer Phase auftretenden Aberrationen, wie Trisomie 8, Trisomie 19, Y-Chromosomverlust, Isochromosom 17q und ein zusätzliches Philadelphia-Chromosom, nicht immer Hinweis auf eine herannahende Blastenkrise geben. Wohl aber stellte sich heraus, dass Patienten, die diese Zusatzaberrationen bereits in der chronischen Phase aufwiesen, auf eine Imatinib(Tyrosinkinaseinhibitor)-Therapie nicht ansprechen. International aufsehenerregend war auch die Beobachtung einer klonalen Evolution unter Interferon-Therapie. Bei mehreren Patienten kam es zu einem bis dahin nicht beschriebenen Stückverlust im kurzen Arm des Chromosoms7 (del7p), der mit einem aggressiven Krankheitsverlauf assoziiert war. Dieser, sowie auch gelegentlich zu beobachtende Deletionen in 9p, 16q und 21q erklärten sich über den Verlust der in diesen Regionen gelegenen Interferon-Rezeptor-Gene.

3. Im Rahmen ihrer Studien zum myelodysplastischen Syndrom (MDS) konnten sie und ihr früherer Mitarbeiter Detlef Haase, der sich auch heute noch wissenschaftlich damit beschäftigt, die totale oder partielle Trisomie des langen Arms eines Chromosoms 1 als einzige und primäre, d.h. krankheitsverursachende Anomalie bei MDS nachweisen. Es zeigte sich, dass MDS-Patienten mit 1q-Zugewinn eine schlechtere Prognose haben als MDS Patienten, deren partielle Trisomie 1q auf einer 1;7-Translokation beruht.

4. Ein Phänomen, das CF schon bei der Bearbeitung der Diehlschen Hodgkin-Zelllinien aufgefallen war, betraf das gehäufte Auftreten von ungeordneten Chromosomenbrüchen, -verlusten und -umbauten, was sie schon damals als „Karyotypunruhe“ beschrieb und was neuerlich unter dem Begriff „Chromosomeninstabilität (CIN)“ wieder einen besonderen Stellenwert in der tumorcytogenetischen Diagnostik erlangt hat. Auch bei 12% der MDS-Patienten konnten sie eine erhöhte Karyotypinstabilität nachweisen. Diese führte in 15% der Fälle zu klonalen Zusatzaberrationen der Chromosomen 1, 5 und 7 und gelten als früher Indikator für eine ungünstige Prognose.

5. Die Chromosomenanalysen von Patienten mit sekundärer akuter myeloischer Leukämie (AML), Therapie-induziert und/oder nach MDS, deckten statistisch signifikant höhere Raten an komplexen Anomalien, zumeist die Chromosomen 3, 5 und 7 betreffend, auf − verglichen mit den Raten bei der de novo-AML und de novo.MDS. Das Nebeneinander von Klonen mit unterschiedlichen Chromosomenanomalien, die voneinander ableitbar waren, ließ auf eine Karyotypevolution schließen, die letztlich zur Ausprägung einer sekundären AML führte.

6. Multizentrische Therapiestudien, in deren Rahmen auch Morphologie, Immunologie und Cytogenetik, später die Molekulargenetik, eine Rolle spielen sollten, wurden in den frühen 80iger Jahren in Deutschland etabliert . Die Arbeitsgruppe von Ch. F. übernahm hierfür die zentrale tumorzytogenetische Diagnostik in der von Prof. Büchner, Münster, geleiteten AML-Studie und der von Prof. Hölzer, Frankfurt, geleiteten ALL-Studie der Erwachsenen. Diese Studien erbrachten eine Fülle neuer klinisch-therapeutischer Erkenntnisse, aber durch die viele Jahre währende Zusammenarbeit mit den Klinikern konnten auch in der Zytogenetik interessante neue Einblick gewonnen werden. Im Rahmen der ALL-Studie von Prof. Hölzer interessierten wieder besonders sekundäre Chromosomenanomalien, die z. B. zusätzlich zur prognostisch ungünstigen Philadelphia-Translokation auftraten. Gemeinsam mit ihrem Mitarbeiter Harald Rieder, konnte sie Zusatzaberrationen bei 71% der erwachsenen ALL-Patienten mit Philadephia-Translokation aufzeigen. Während Stückverluste im kurzen Arm von Chromosom 9 oder eines ganzen Chromosoms 7 einen noch aggressiveren Krankheitsverlauf signalisierten als die Ph-Translokation allein, zeichneten sich Patienten mit Ph-Translokation im Rahmen eines hyperdiploiden Chromosomensatzes durch ein besseres Gesamtüberleben als alle anderen Ph-positiven Patienten aus. Stets auf der Suche nach neuen wiederkehrenden und prognostisch relevanten Chromosomenanomalien, gelang es ihnen, auch bei der Erwachsenen-ALL fündig zu werden: Selten, aber doch wiederkehrend konnte eine dizentrische Translokation zwischen dem kurzen Arm eines Chromosoms 9 und dem langen Arm eines Chromosoms 20 identifiziert werden. Diese Anomalie allein scheint eine günstige Prognose zu signalisieren, während sie im Verbund mit der Ph-Translokation den aggressiven Krankheitsverlauf nicht beeinflusst.

Im Rahmen der deutschen kooperativen AML-Studie von Prof. Büchner widmete sie sich neben der Analyse primärer spezifischer Anomalien, die zur Risikostratifizierung herangezogen werden, wiederum der Bedeutung von Zusatzaberrationen. Claudia Schoch und Detlef Haase kümmerten sich mit ihr gemeinsam um die AML. Zunächst wurde die Bedeutung der sekundären Chromosomenanomalien bei der Translokation t(8;21) untersucht und eine ungünstige Prognose bei Vorliegen eines Stückverlustes im langen Arm eines Chromosoms 9, zusätzlich zur t(8;21) festgestellt. Bei Patienten mit akuter Promyelozytenleukämie (M3) konnten sie bei 36% der Patienten Sekundäranomalien bei Initialdiagnose nachweisen, die jedoch keinen Einfluss auf die Prognose hatten.

7. Eine besondere Herausforderung stellte die Mitwirkung an dem von Prof. Rüdiger Hehlmann (Mannheim) 2002 ins Leben gerufenen „European LeukemiaNet“ (ELN) dar. Das ELN hat Europa-weit eine Verbesserung der Patientenversorgung und der Leukämieforschung zum Ziel. Kliniker und Wissenschaftler aus mittlerweile 33 Ländern sind in das ELN integriert, mehr als 100 nationale Leukämie-Studiengruppen arbeiten mit mehr als 100 interdisziplinären Partnergruppen und insgesamt etwa 1000 Leukämiespezialisten zusammen. Die Zusammenarbeit hat zur Verbesserung von Diagnose und Therapie und dem Überleben der Leukämiepatienten geführt.
Gemeinsam mit Claudia Schoch und Harald Rieder durfte sie als Lead-Participant der Arbeitsgruppe „Cytogenetics“, der Fachkollegen aus nahezu allen europäischen Ländern anghörten, fungieren. Das Bemühen galt vor allem der Harmonisierung der Techniken und einer Standardisierung von cytogenetischen Analysen aller Leukämien. Besonderes Interesse galt ferner den komplexen und kryptischen Chromosomenaberrationen und der Aufdeckung minimaler Chromosomenimbalancen, die mittels klassischer Zytogenetik oder FISH-Analyse nicht erfassbar waren. So führten sie die „vergleichende Genomhybridisierung mittels Arrays“(array CGH) in die Tumorzytogenetik ein. Um den Verlust der Heterozygotie, ein Phänomen, das ebenfalls oft bei Leukämien gefunden wird, zu studieren, setzten sie die Analyse mittels „single nucleotid polymorphism (SNP)-Arrays“ ein.

Jährlich wird von der Netzwerkzentrale ein Netzwerk-Symposium organisiert, bei dem ein intensiver Informationsaustausch zwischen Klinikern, Diagnostikern, Therapieforschern, den Betreuern der Leitlinien und der zentralen Dienste stattfindet. 2008 organisierte CF ein ELN-Symposium in Wien.

Die in Lübeck im Rahmen der deutschen Therapiestudien und später in Wien mit Prof. Klaus Lechner, Prof. Ulrich Jäger, Prof. Peter Valent, Prof. Heinz Ludwig und Primaria Dr. Elisabeth Pittermann durchgeführten Chromosomenanalysen an Leukämiepatienten warfen immer neue Fragen auf, die einer wissenschaftlichen Bearbeitung bedurften.

1. Lokalisation und Identifizierung von durch Chromosomenanomalien betroffenen Genen:
Sowohl in Lübeck als auch später in Wien interessierte Ch. F. die Aufklärung des molekularen Hintergrundes der prognostisch ungünstigen parazentrischen Inversion im langen Arm des Chromosoms 3, die bei AML und auch bei MDS nachweisbar ist. Zusammen mit Susanne Schnittger in Lübeck und Rotraud Wieser in Wien führte sie hierzu umfangreiche Studien über das in 3q26 lokalisierte EVI1-Gen und seinen Antagonisten, das MDS1-/EVI1-Gen, sowie das in 3q21 lokalisierte GATA2-Gen(Transkriptionsfaktor) durch. Sie konnten zur molekulargenetischen Aufklärung dieser spezifischen Aberration interessante Beiträge liefern.

2. Genomische Instabilität als Ursache für Genamplifikationen:
Das Dogma, dass Genamplifikationen bei soliden Tumoren auftreten, bei Leukämien jedoch höchst selten sind, konnte dank der Entwicklung neuer, molekular(zyto)genetischer Techniken revidiert werden. Gemeinsam mit Katharina Wimmer, Andrea Zatkova und Mitgliedern des European Leukemia Nets konnte sie aufzeigen, dass sich Genamplifikationen keineswegs nur als „double-minutes“ oder „homogeneously staining regions“ manifestieren, sondern sich in diversen Markerchromosomen, z.B. Ringchromosomen, finden. Als besonders häufig in Amplifikationen involviert erwiesen sich bei AML und MDS die Chromosomenbanden 11q23-24, aber auch 11q13. Zudem konnten sie über Array-CGH-, Micro-Array-Expressions- und Mutationsanalysen sowie den basalen FISH-Analysen − neben dem MLL-Gen − weitere Kandidatengene, wie das in 11q13 lokalisierte GAB2-Gen, in den Amplicons identifizieren.
Bei mehreren Patienten fand sich mit dem MLL-Gen eine Co-amplifikation von DNA-Sequenzen, die ribosomale RNA kodieren. Alle Patienten mit rDNA-Amplifikation zeigten einen äußerst aggressiven Krankheitsverlauf. Da einige der Patienten therapiert worden waren, kann die rRNA-Genamplifikation als Reaktion auf die therapeutischen Agentien diskutiert werden. Ob die rDNA-Amplifizierung zu einer Steigerung der Expression der co-amplifizierten Onkogene führt, ist unklar, feststeht jedoch, dass Genamplifikationen einen interessanten Mechanismus der Leukämogenese darstellen.

3. Konstitutionelle Chromosomen- bzw. Gendefekte und genetische Polymorphismen, die zu Leukämieerkrankungen disponieren.
Es ist seit langem bekannt, dass Neugeborene mit Down-Syndrom häufig eine kongenitale vorübergehende Leukämie zeigen und ein erhöhtes Risiko für akute Leukämien haben. Darüber hinaus werden Leukämien und andere hämatologische Neoplasien in Verbindung mit verschiedenen genetischen Krankheitsbildern, wie z.B. den DNA-Reparaturdefizienz-Syndromen, den Tumordispositions-Syndromen, den Immundefizienz-Syndromen, den „Cancer family“-Syndromen und den „Bone Marrow Failure“-Syndromen, aber auch mit einigen konstitutionellen Chromosomenanomalien beobachtet. Das familiäre Auftreten von Leukämien, z.B. der chronisch lymphatischen Leukämie (CLL), legte die Untersuchung von Keimbahnpolymorphismen nahe, die in die Entgiftung, die DNA-Reparatur, die Zellzyklusregulation oder auch die Apotose involviert sind. Gemeinsam mit Christine Ganster (Doktorandin) leistete sie einen Beitrag zur Rolle von Polymorphismen (SNPs) von DNA-Reparaturgenen bei der CLL. Sie fanden statistisch signifikante Unterschiede − im Vergleich zu Kontrollen − in den Häufigkeiten bestimmter Polymorphismen der DNA-Reparatur-Gene XRCC1 und ERCC2 bei CLL-Patienten, vor allem jenen mit ungünstigem zytogenetischen Befund, also einer Deletion in 17p oder 11q.
Die Analyse kombinierter Effekte von genetischen Polymorphismen oder auch von Keimbahn-Mutationen von Genen, die spezifische zelluläre Mechanismen regulieren, brachte neue Einblicke in die Pathogenese von sporadischen Leukämien und trug zur Aufdeckung ihrer multifaktoriellen Genese mit einer starken genetischen Komponente bei.
Diese Frage − welche Bedeutung konstitutionellen genetischen Varianten oder auch auf Keimbahnmutationen beruhenden Syndromen bei der Entstehung und Progression von malignen Erkrankungen zukommt − hat Ch. F. als Humangenetikerin, die sich lege artis mit angeborenen Gendefekten zu befassen hat, immer besonders interessiert. Und in der Tat konnte sie am Beispiel der Leukämien aufzeigen, dass die strikte Trennung von erworbenen und angeborenen Mutationen als ein bisher unumstößliches Faktum im Fach Humangenetik, immer weniger haltbar ist und auch weiterhin eine Herausforderung für Hämatologen, Onkologen und Humangenetiker zur Intensivierung ihrer Zusammenarbeit darstellt!
Betreuung von 22 Doktorarbeiten der Medizin, der Biologie, der Genetik, sowie von drei Diplomarbeiten (Medizin). Habilitation von zwei Mitarbeiterinnen.

Werke

319 Originalarbeiten, mehrere Buchartikel und Bucheditionen.

Literatur / Quellen

Interview mit Ch. F.: http://www.youtube.com/watch?v=OW2KaLdYZsM
Laudationes der Schüler von Christa Fonatsch
Ehrenvorträge und Publikationen von Christa Fonatsch
Autorin, Helga Rehder, war jahrelange Kollegin von Ch. F.:1984-1989 gemeinsam am Institut für Humangenetik in Lübeck und von 1998 bis 2010 an ihrem Institut in Wien Honorar- bzw. Gastprofessorin.

BiografieautorIn:

Helga Rehder