Koller, Noémie

geb. Noemi Benczer

* 21.8.1933, Wien
Kernphysikerin

1935 Emigration nach Frankreich, 1942 nach Kuba, 1943 nach Mexiko, Besuch der französischen Mittelschule; 1951 Studium am Barnard College, N.Y., 1953 B.A. in Amerikanischer Geschichte, Mathematik und Physik, 1955 M.S., 1958 Ph.D. in Experimentalphysik; 1958-1960 postdoctoral research associate,Columbia University; 1960 1. Frau, die eine Stelle an der University in New Brunswick/New York erhält, Institut für Physik, 1965 erhält sie als 1. Frau auch die Professur; 1986-1989 Direktorin des Labors für Nuklearphysik, 1992-1996 Associate Dean for Sciences of the Faculty of Arts and Sciences; Fellowship in der American Physical Society, wo sie u. a. den Chair der Abteilung für Nuklearphysik innehat sowie Fellowship in AAAS.

Bereits als Kind muss N. K. aufgrund ihrer jüdischen Herkunft vor dem Nazi-Regime aus Österreich fliehen. Im Jahr 1934 emigriert sie mit den Eltern nach Frankreich, 1942 nach Kuba und 1943 nach Mexiko, wo sie eine anspruchsvolle französische Mittelschule besucht. Nach dem Schulabschluss im Jahr 1951 verlässt sie Mexiko um in New York zu studieren. Die Columbia University nimmt damals noch keine Frauen auf, weshalb N. K.s Bewerbung abgelehnt und sie an die Partnerhochschule Barnard College weitergeleitet wird. Das Barnard College rechnet ihren Abschluss der französischen Schule gesondert an, weshalb N. K. den Bachelortitel nach nur zwei Jahren Studium verliehen bekommt. Zwei Jahre später erhält sie den Mastertitel. Im Jahr 1958 schließt N. K. ihr Studium der Experimentalphysik an der Columbia University ab und wird zum Ph.D. ernannt. Mit der Betreuerin ihrer Dissertation, Chien-Shiung Wu, wird sie eine lebenslange Freundschaft entwickeln. Von 1958 bis 1960 bleibt sie an der Columbia University als postdoctoral research associate. Im Herbst 1960 geht N. K. an die Rutgers University in New Brunswick/New York, wo sie unter der Präsidentschaft von Mason Gross als erste Frau in der Geschichte der Rutgers University eine Anstellung an der Fakultät für Physik und schließlich 1965 als erste Frau sogar eine Professur erhält.
Bald nimmt N. K. einen wichtigen Platz in einer Forschungsgruppe ein, die am Tandem-Van-de-Graaff-Beschleuniger arbeitet und macht sich auch durch auf dem Mössbauer-Effekt basierende Experimente im Bereich der Arbeit mit kondensierter Materie einen Namen. N. K. gilt auf mehreren Gebieten der Kernphysik und der Physik der kondensierten Materie als Pionierin. Ein wichtiges Beispiel hierfür ist die erste Identifikation des Doppel Gamma Zerfalls von 40Ca* in den Grundzustand: a 0+ – > 0+ Übergang. Ein weiteres Beispiel ihrer Pionierarbeit ist das Beobachten des Zusammenspiels von einzelnen Teilchen und kollektiven Bewegungen in Kernen, sowie die Demonstration, dass eine einfache Beziehung basierend auf konstanten gyromagnetischen Verhältnissen von nuklearen Paaren eine breite Palette von nuklearen elektromagnetischen Übergängen auf dem Gebiet der Seltenen Erden beschreiben kann. Zusätzlich zu ihren Forschungen, spielt N. K. eine wichtige Rolle in der administrativen Infrastruktur der Physik in den USA.
In den Jahren 1986 bis 1989 ist sie Direktorin des Labors für Nuklearphysik, 1992 bis 1996 ist sie Associate Dean for Sciences of the Faculty of Arts and Sciences. N. K. ist eine leidenschaftliche Unterstützerin von Frauen in der Wissenschaft. In ihrem Namen wird jedes Jahr ein Stipendium an zwei Physikerinnen der Rutgers University vergeben, die in den Augen der Fakultätsmitglieder herausragende akademische Leistungen vorweisen können.
N. K. hat im Laufe ihres Lebens zahlreiche Auszeichnungen erhalten, u. a. den New Jersey Women of Achievement Award des Jahres 1997, den Rutgers University Daniel Gorenstein Memorial Award des Jahres 2001; den Distinguished Service Award of the APS Division of Nuclear Physics 2006 sowie die APS Nicholson Medal for human outreach im Jahre 2010.

Werke

Power and Energy. Holm Library Press, 1960.
Gem. mit Wu, C. S. / Lee, Y. K. / Simms, P.: The Frequency Distribution of Resonance Lines Versus Delay Time, Phys. Rev. Lett., 1960.
Gem. mit Koller, E. L.: Power and Energy. Science for the Children Series, 1960.
Gem. mit Franklyn, M. / Koller, E. L. et al.: Finding Out About the Universe. Library Press, 1960.
Gem. mit MacDonald, J. R. / Tape, J. / Guthman, L. / Goode, P.: Measurement of the Mean Life of the 4.49 MeV (5-) state of 40Ca. Effects of Deformed Components on the Lifetime of the Odd Parity States. Phys. Rev. Lett., 1969.
Gem. mit Trooster, J.: On the Equivalence of the Mass Change Shift and the Second Order Doppler Shift in the Mossbauer Effect. Phys. Rev. Lett. A, 1969.
Gem. mit Beardsworth, E. / Hensler, R. / Tape, J. / MacDonald, J. R.: Double Gamma Decay in 40Ca. Phys. Rev. C, 1973.
Gem. mit Ulrickson, M. / Hensler, R. / Gordon, D. M.: The Effect of Atomic Charge State on Nuclear Lifetimes: 197Au. Phys. Rev. C, 1974.
Gem. mit Song, C. / Trooster, J.: Measurement of 2s and 3s Electron Spin Densities in Iron Metal and Fe203. Phys. Rev. B, 1974.
Gem. mit Yang, T. / Krishnan, A. / Bayreuther, G.: Surface Magnetic Hyperfine Interactions in Fe203 Determined by Energy Resolved Conversion Electron Mossbauer Spectroscopy. Phys. Rev. Lett., 1982.
Gem. mit Wolf, A. / Warner, D. D.: Effective g Factors and Proton-Boson Numbers in the Vicinity of Proton Sub-shell Closures. Phys. Rev. Lett. B, 1985.
Gem. mit Hass, M. / Kumbartzki, G. / Lauritsen, T. / Khoo, T. L. et al.: Decay History and Magnetic Moments at High Spin in 152Dy. Phys. Rev. C, 1991.
Gem. mit Speidel, K. -H. et al.: Shell closure effects in the stable 74-82Se isotopes from magnetic momemnt measurements using projectile excitaion and the transient field technique. Phys. Rev., 1998.
Chien-Shiung Wu 1912—1997-A Biographical Memoir by Noemie Benczer-Koller. National Academy of Sciences, Washington, D. C., 2009.

Literatur / Quellen

Blumesberger, S. / Doppelhofer, M. / Mauthe, G. (Bearb.) / Österr. Nationalbibliothek (Hg.): Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft. 18. bis 20. Jahrhundert. Saur, München, 2002.
Byers, N. / Williams, G. (Hg.): Out of the Shadows: Contributions of Twentieth-Century Women to Physics. Cambridge University Press, 2010.
Röder, W. / Strauss, H. A. (Hg.): Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933 (= International Biographical Dictionary of Central European Emigrés 1933-1945). 3 Bde., München, 1980-1983.
www.sciencewomen.rutgers.edu/profiles/

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