Floßmann, Ursula

* 1944, Freistadt
Rechtswissenschafterin

U. F. beendete das 1962 begonnene Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Wien 1967 mit der Promotion zum Dr.iur. Nach der Gerichtspraxis am OLG Linz begann sie 1968 ihre Karriere an der Universität Linz als Assistentin am Institut für Deutsches Recht. 1976 erlangte sie mit ihrer Habilitationsschrift „Landrechte als Verfassungsbegriff“ die Lehrbefugnis für Österreichische und Deutsche Rechtsgeschichte und wurde schon im darauf folgenden Jahr – als zweite Frau an der Juristischen Fakultät der Universität Linz – zur ao. Universitätsprofessorin ernannt. U. F. hielt der Universität Linz weiterhin die Treue und wurde 1996 zur o. Universitätsprofessorin berufen. Im Oktober 2011 erfolgte ihre Emeritierung.
Der Rechtsgeschichte, konkret der Problematik des Eigentumsbegriffs in der Geschichte sowie dem Schutz des Eigentums widmete U. F. zu Beginn ihrer universitären Tätigkeit zwei Monographien (Eigentumsbegriff und Bodenordnung im historischen Wandel. Ein Beitrag zum Rechtsverständnis der konstitutionellen Eigentumsgewährleistung des 19. Jahrhunderts, 1976; Der Eigentumsschutz im sozialen Rechtsstaat, 1979). Den Höhepunkt ihres Wirkens als Rechtshistorikerin im engeren Sinne bildete das Erscheinen ihres (Kurz-) Lehrbuchs zur „Österreichischen Privatrechtsgeschichte“ (1983, dzt. 2008). U. F. legte mit diesem Werk eine Institutionengeschichte des Privatrechts vor, mit der sie an die literarische Tradition des Deutschen Privatrechts anzuknüpfen suchte (vgl. insb. Heinrich Mitteis – Heinz Lieberich, Deutsches Privatrecht: Ein Studienbuch, 1950, 1981). Aus didaktischen Gründen folgt der Aufbau einem durchgehenden Schema: an das früh- und spätmittelalterliche Recht schließt sich die Darstellung der neuzeitlichen Rechtsentwicklung an und zwar auf der Grundlage älterer und neuerer Spezialliteratur mit Schwerpunkt auf dem österreichischen Schrifttum.
Über ihre Tätigkeit als Rechtshistorikerin fand U. F. den Zugang zu ihrem wissenschaftlichen Schwerpunktthema, der Genderforschung. Sie begründete dies damit, dass „nirgends mehr Anschauungsmaterial für die strukturelle Diskriminierung von Frauen zu finden sei“ (Interview in den OÖ Nachrichten vom 29.10.2011). Dies war auch der Grund dafür, dass sie sich in den – regelmäßig aufflammenden – Diskussionen um den Stellenwert der rechtshistorischen Ausbildung im Rahmen des juristischen Studienplans stets für deren Beibehaltung aussprach und zwar mit Schwerpunkt auf der Geschlechtergeschichte (vgl. z. B. „Frauenrechtsgeschichte. Ein Leitfaden für den Rechtsunterricht“, 2006).
Frauenforschung, Frauenrechte sowie Gleichbehandlungsfragen standen seit 1991 im Vordergrund des universitären Wirkens von U. F. So agierte sie z. B. als Vorsitzende des Arbeitskreises für Gleichbehandlungsfragen (1991-1995) sowie als Leiterin der Koordinationsstelle für Frauenforschung und Frauenstudien (1993-1996). Ihre Bemühungen um die Erforschung der Frauengeschichte, einem damals noch relativ neuen Forschungsgebiet, wurden 1995 mit der Verleihung des Käthe Leichter-Preises gewürdigt. Um die von U. F. forcierten Forschungsthemen auch literarisch im universitären Bereich zu verankern, fungiert U. F. seit 1996 als Herausgeberin der Reihe „Linzer Schriften zur Frauenforschung“ (Universitätsverlag Rudolf Trauner), die der Publikation interdisziplinärer frauenrelevanter Untersuchungen dient. Mithilfe der Veröffentlichung von wissenschaftlichen Qualifikationsschriften sowie von Tagungs- und Studienergebnissen wird dem Anliegen U. F.s, die Sensibilität für die Benachteiligung von Frauen in unterschiedlichen Lebensbereichen zu fördern, Rechnung getragen. Bislang wurden in der Schriftenreihe bereits mehr als 50 Bände veröffentlicht, bei einigen davon fungierte U. F. selbst als Herausgeberin, z. B. „Recht, Geschlecht und Gerechtigkeit, Bd. 5, 1998; „Nationalsozialistische Spuren im Recht“, Bd. 12, 1999; „Fragen zum Geschlechterrecht“, Bd. 22, 2002; „Universitäre Weiterbildung, ‚Gender Studies‘“, Bd. 24, 2004.
Im Sommer 2010 gelang es U. F., die von ihr forcierten Forschungsgebiete auch insoweit an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Linzer Universität zu verankern, als das Institut für österreichische und europäische Rechtsgeschichte in „Institut für Legal Gender Studies“ umbenannt wurde. Von der ursprünglichen Ausrichtung des Instituts verblieb die Rechtsgeschichte unter Berücksichtigung der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte sowie die Frauenrechtsgeschichte. Der Schwerpunkt liegt allerdings klar darauf, die Fachbereiche Legal Gender Studies, Diversity und Antidiskriminierungsrecht sowie die feministische Rechtstheorie und die rechtshistorische Analyse der Geschlechterordnung in Forschung und Lehre zu betreuen. Das Institut, als dessen Vorstand U. F. bis zu ihrer Emeritierung tätig war, übt zudem die Koordinationsfunktion für den Studienschwerpunkt „Legal Gender Studies“ aus, versteht sich aber zugleich auch als Kompetenz- und Kooperationsstelle für die Praxis.

Werke

Das Gesamtverzeichnis ist online abrufbar in der Forschungsdokumentation (FoDok) der Johannes Kepler Universität Linz (www.jku.at).

Gem. mit Kalb, H.: Die Beurteilung von Unehelichkeit bei Benedikt Finsterwalder. Anmerkungen zum Illegitimitätsdiskurs im österreichischen usus modernus. In: Aichhorn, U. / Rinnerthaler, A. (Hg.): Scientia iuris et historia. FS für Peter Putzer zum 65. Geb., 2004, S. 175-205.
Gem. mit Kalb, H.: „Illegitime“ Kinder im Recht des Landes ob der Enns. In: Kalb, H. / Sandgruber, R. (Hg.): FS für Rudolf Zinnhobler zum 70. Geb., Linz 2001, S. 23-39.
Geschlechterdifferenz und persönliche Ehewirkungen in historischer Perspektive. In: Bacher, M. et al. (Hg.): Wahnsinnsweiber? Weiberwahnsinn? Wer braucht Feminismus? Erweiterte Dokumentation des 6. Linzer AbsolventInnentages (= Linzer Schriften zur Frauenforschung 15), Linz, 2000, S. 147-198.
Auf dem Weg zur Geschlechterdemokratie. In: Ebert, K. (Hg.): FS zum 80. Geburtstag von Hermann Baltl, Wien, 1998, S. 123-138.
Frauenförderung als Verfassungsauftrag. In: Johanna Dohnal. Eine andere Festschrift, Wien, 1998, S. 52-58.
Die beschränkte Grundrechtssubjektivität der Frau. Ein Beitrag zum österreichischen Gleichheitsdiskurs. In: Gerhard, U. (Hg.): Frauen in der Geschichte des Rechts, München, 1997, S. 293-324.
Männliche Rechtsstrategien zur Minimierung der sozialen Sprengkraft des Gleichheitssatzes. Ein Beitrag zur beschränkten Rechtssubjektivität der Frau, in: Mesner, M. et al. (Hg.): Der Tod der Olympe de Gouges. 200 Jahre Kampf um Gleichberechtigung und Grundrechte, Wien, 1994, S. 45-66.
Sibylle Bolla-Kotek. Die erste Rechtsprofessorin an der Universität Wien. In: Heindl, W. / Tichy, M. (Hg.): „Durch Erkenntnis zu Freiheit und Glück …. Frauen an der Universität Wien, Wien, Köln, 1993, S. 247-256.
Die weiblichen Rechtsfreiheiten in der Landtafel ob der Enns. In: Klingenberg, G. et al. (Hg.): Vestigia Iuris Romani. FS für Gunter Wesener zum 60. Geb., Graz, 1992, S. 131-146.
Das neue Familienrecht: Frauenfragen und Reformschwerpunkte im historischen Abriss. In: Offene Frauenfragen in Wissenschaft, Recht und Politik, Linz, 1991, S. 165-180.
Frauenförderung im Wissenschaftsbetrieb. Ein Diskussionsbeitrag zur positiv-kompensatorischen Diskriminierung von Frauen. In: Schwab, R.(Hg.): „Zwischen Autonomie und Vereinnahmung“. Frauenforschung und Feministische Wissenschaft an Österreichs Universitäten, Klagenfurt, Wien, 1990, S. 77-94.
Geschlechtsspezifische Diskriminierung und Gleichbehandlungsgebot als Strukturelemente frühneuzeitlicher Rechtsordnungen. In: Morsak, L. C. (Hg.): FS für Louis Carlen zum 60. Geburtstag, Zürich, 1989, S. 617 ff.
Das Frauenwahlrecht in Oberösterreich vor 1918. In: Valentinitsch, H. (Hg.): Recht und Geschichte. FS für Hermann Baltl zum 70. Geb., Graz, 1988, S. 155-182.
Consuetudo est optima legum interpres. Ein Beitrag zur Rechtsquellenlehre des 16. Jahrhunderts. In: Ebert, K. (Hg.): Festschrift für Nikolaus Grass zum 70. Geb., Innsbruck, 1986, S. 213-220.

Probleme bei der Strafverfolgung von Gewalt in Familien (= Linzer Schriften zur Frauenforschung, Bd. 24), Linz, 2003.
Sexualstrafrecht. Beiträge zum historischen und aktuellen Reformprozess (= Linzer Schriften zur Frauenforschung, Bd. 17), Linz, 2000.
Recht auf Teilzeitarbeit für Eltern (= Linzer Schriften zur Frauenforschung, Bd. 8), Linz, 1998.
Feministische Jurisprudenz. Blicke und Skizzen, Linz, 1995.
Aktuelle Themen der Frauenpolitik, Linz, 1994.

Literatur / Quellen

BiografieautorIn:

Elisabeth Berger

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